Marlen Haushofer - Die Wand

Originaltitel: Die Wand
Roman. Klett Cotta 1968
268 Seiten, ISBN: 3123519600

Es sollte ein ganz normaler Wochenendausflug in die Jagdhütte werden. Schwester und Schwager waren abends nochmals ins Dorf gefahren, sich unters Volk mischen. Und als die Frau morgens erwachte, stellte sie fest: sie war alleine. Sie waren nicht wieder nach Hause gekommen. Ein Spaziergang Richtung Dorf bringt dann auch die Lösung: Über Nacht war eine Wand zwischen ihr und der Umwelt entstanden, eine dicke, unzerbrechliche gläserne Wand - und sie war alleine.

Ein Erkundungsgang entlang der Wand offenbart auch, dass auf der anderen Seite kein Leben mehr existiert; wie versteinert sieht man Menschen, Tiere, erstarrt in ihrer momentanen Tätigkeit, leblos.

Woher kommt die Wand? Waren es die Feinde, die Sieger, die alles vernichtet hatten? Die Angst der Frau richtete sich vor allem gegen die Menschen, als erstes verbarrikadiert sie sich in ihrer Hütte, soweit das möglich ist. Und versucht dann, ihre Überlebenschancen auszurechnen und zu verbessern. Ihr vorsorglicher Schwager hatte zu ihrem Glück eine Menge Lebensmittelkonserven gehortet, aber das alleine würde nicht genügen.

Ein Hund, eine Kuh, eine Katze - das sind ihre einzigen Gefährten, für die sie sorgen muss, die aber auch ihr Überleben sichern - durch Milch, Wärme, Lebendigkeit.

Nun, vor ihrem dritten Winter, ist der Hund tot, die kleinen Katzen leben auch nicht mehr - die Gewalt hat sie auch hier eingeholt. Und sie beginnt, ihre Gedanken aufzuzeichnen...

Er ist sehr gleichförmig, ihr Tagesablauf; geprägt von der Sorge ums tägliche Überleben, von den alltäglichen Verrichtungen, der Zubereitung von Mahlzeiten, Versorgen der Tiere, Holz hacken, Gemüse pflanzen, Heu ernten - und das über 250 Seiten? Ich hatte schon häufig Leser von diesem Buch in den höchsten Tönen schwärmen hören, war aber sehr skeptisch, ob diese Wirkung auch bei mir einsetzen würde, nachdem ich die Inhaltsangabe gelesen hatte. Weder breche ich in Entzücken aus, wenn ich Tierbeschreibungen lese, noch konnte mich die utopische Vorstellung einer Wand, die über Nacht entsteht, reizen. Auch die Stimmen, die von wichtiger Frauen-, Emanzipations-Literatur sprachen, haben mein Misstrauen diesem Buch gegenüber eher verstärkt.

Dabei wäre mir sehr viel entgangen, wenn ich dieses Buch nicht gelesen hätte. Schon alleine die sachliche, glasklare Sprache der Autorin, mit der sie unprätentiös das Geschehen schildert, ohne Sensationslust das Auftauchen einer Wand schildert, ist unbedingt lesenswert. Auch vom dramaturgischen Aufbau her ist dieses Buch meisterhaft; obwohl so viele Seiten von ganz alltäglichen Verrichtungen handeln, obwohl rein äußerlich sehr wenig passiert, wird es auf keiner Seite langweilig. Schon recht früh weiß man, dass einige der Tiere, die sie hier mit so viel Liebe schildert, zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht mehr leben - und man wartet gespannt auf den Grund dafür.

Tiere sind die einzige Gesellschaft der namenlosen Frau; und trotz all der Liebe und ihres Bedürfnisses nach deren Gegenwart erspart uns die Autorin eine Vermenschlichung dieser Gefährten - und wie hier das Zusammenleben mit Tieren geschildert wird, die gegenseitige Beeinflussung, der Respekt vor den Eigenheiten des fremden Wesens, gehört zum Allerbesten, was ich bislang in Bezug auf Tierbeobachtungen gelesen habe.

Aber was beim Lesen am meisten beschäftigt, sind die Gedanken der Frau, die ihre Isolation betreffen, aber auch ihr Leben davor, ihr Verhältnis zu den Kindern, zu ihrem Mann, zur Umwelt im Allgemeinen. Auch wenn man sich nicht mit ihr identifiziert, das, worüber sie nachdenkt, das beschäftigt auch den Lesenden immer mal wieder, auch wenn er zu anderen Schlüssen kommen mag.

Natürlich bietet dieser Roman eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten, verlockt dazu, einzelne Szenen und Figuren zu deuten, enträtseln - aber was es für mich als Leser vor allem bietet, ist die Möglichkeit der Reflektion. Es ist ein Buch, das die Option beinhaltet, sich mit sich selbst auseinander zu setzen - oder aber auch einfach nur einzutauchen in eine meisterhaft geschilderte Welt, die hoffentlich nie Realität wird.

Trotz aller ursprünglichen Bedenken stimme ich nun auch ein in den Chorus derer, die es aus ganzem Herzen weiterempfehlen.

Marlen Haushofer

Marlen Haushofer (1920-1970) studierte Germanistik in Wien und Graz und lebte später in Steyr. Ihre Erzählung "Wir töten Stella" wurde 1963 mit dem Arthur-Schnitzler-Preis ausgezeichnet. 1968 erhielt sie den österreichischen Staatspreis für Literatur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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