Haruki Murakami - 1Q84

Originaltitel: 1Q84
Roman. Dumont Literaturverlag 2010
1055 Seiten, ISBN: 3832195874

Der Verlag hat schon vor Erscheinen des Romans großen Wirbel drum gemacht, die ersten gut 30 Seiten wurden online veröffentlicht, jeden Tag eine Seite, jeweils kommentiert - und nun stellt sich natürlich die Frage: lohnt es sich, als Leser die immerhin 32,- Euro fürs Hardcover auszugeben?

Aus meiner Sicht: ja! Allerdings mit der Einschränkung, dass man sich auf ein Buch dieser Art auch einlassen kann und will. 1Q84 ist ein Roman, den ich anhand der Inhaltsangabe vielleicht ein wenig skeptisch beäugen würde - könnte das nicht vielleicht zu kitschig sein? Zu abgedreht? Würde mir als Autor Paulo Coelho genannt, dann hätte ich das Buch bei diesem Inhalt nie zur Hand genommen. Doch der Autor ist Haruki Murakami, und er schreibt Bücher, die ich - bis auf die Ausnahme "Kafka am Strand" - sehr gerne gelesen habe, obwohl sie eigentlich überhaupt nicht zu meinen sonstigen Lesevorlieben passen.

Aber worum geht es eigentlich?

Als Leser wird man zuerst mit Aomame bekannt gemacht. Aomame ist eine knapp dreißigjährige Frau, durchtrainiert (kein Gramm Fett zuviel, diese Beschreibung wird man noch häuig lesen), ein Mensch ohne große Bindungen an Familie oder Freunde. Unauffällig, würden die meisten Kommentare zu ihr wohl lauten. Allerdings kennen diese Menschen sie dann auch nur in ihrem Beruf als Fitnesstrainerin; dass sie nebenbei noch eine Methode perfektioniert hat, Männer, die ihre Frauen quälen, unauffällig zu ermorden, hängt sie natürlich nicht an die große Glocke.

Zu einem solchen Auftrag ist sie auf den ersten Seiten des Buches gerade im Taxi unterwegs. Aus den Lautsprecherboxen des Wagens ertönt klassische Musik, die sie zu ihrer eigenen Überraschung sofort erkennt; und überhaupt fühlt sie sich ein wenig, als würde ihr Innerstes nach Außen gekehrt während dieser Fahrt, die früher endet als geplant. Weil sie unbedingt pünktlich sein muss, ihr Taxi aber im Stau steckt, empfiehlt ihr der Fahrer eine Abkürzung: den Weg über eine Notfalltreppe runter zur Bahnstation. Und er gibt ihr einen eigenartigen Satz mit auf den Weg - dass es immer nur eine Realität gäbe.

Die erste Irritation gibt es schon, als Aomame ihr Ziel erreicht hat, wieder auf festem Grund ist. Die Uniformen und Waffen der Polizisten kommen ihr seltsam vor; sollte es eine so auffällige Änderung gegeben haben, ohne dass es ihr aufgefallen wäre? Sie schüttelt die Frage ab - und erledigt ihren Auftrag. Erst als sie dann am Abend auch zwei Monde am Himmel sieht anstelle des einen gewohnten, weiß sie, dass etwas geschehen ist, das sie nicht einordnen kann. Etwas hat die Vergangenheit verrückt; sie ist nicht mehr im Jahr 1984, das sie bisher kannte. Die Gegenwart, in der sie nun war, bezeichnete sie daher als 1Q84 - Q für Questionmark.

Währenddessen beschäftigt sich Tengo mit einem ungewöhnlichen Auftrag. Tengo ist dreißig, unterrichtet an drei Tagen die Woche Mathematik, und schreibt in der restlichen Zeit, auch wenn er noch nie ein Buch veröffentlichen konnte. Durch seine Teilnahme an Literaturwettbewerben hat er Komatsu kennengelernt, der als Redakteur bei einer Literaturzeitschrift arbeitet. Auch wenn Tengo noch nie mit einem Preis ausgezeichnet wurde, wird er von Komatsu doch gefördert und bestärkt, ab und an auch mit kleineren journalistischen Arbeiten betraut. Und auch mit der Vorselektion der eingereichten Manuskripte für den Literaturpreis - eigentlich unerlaubt, da er doch selbst daran teilnimmt, doch Komatsu weiß Tengos Unvoreingenommenheit zu schätzen.

Es ist normalerweise relativ leicht, hier die Spreu vom Weizen zu trennen, da nur sehr wenige Manuskripte tatsächlich ansprechend waren. Doch diesmal gab es einen Sonderfall. Tengo war auf eine Geschichte aufmerksam geworden, die ihn von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen hatte - die aber stilistisch mehr als nur zu wünschen übrig ließ. Und das war der Punkt, an dem Komatsu ins Spiel kam - mit einem ungewöhnlichen und auch an sich illegalen Vorschlag. Tengo nämlich solle sich die Geschichte vornehmen und sie in ein neues Format bringen, ein Ghostwriter werden.

Die eigentliche Autorin, eine siebzehnjährige, bildschöne Schülerin, war damit einverstanden. Tengo selbst empfand die moralische Hürde zwar als sehr groß, aber die Geschichte hatte ihn so nachhaltig in ihren Bann gezogen, dass er geradezu darauf brannte, sie zu überarbeiten und in eine ansprechende Form zu bringen.

Der Betrug gelingt - das Buch mit dem seltsamen Titel "Die Puppe aus Luft" gewinnt den Preis und wird ein großer Verkaufserfolg. Und kurz darauf verschwindet die junge Autorin spurlos…

Allerdings war dieses Verschwinden durchaus beabsichtigt. Nach und nach erfährt nämlich auch Tengo, dass mit dem Buch ein Zweck verfolgt wird. Die Little People, von denen das Buch handelt, existieren nach Angabe Fukaeris tatsächlich; und weil ihre Macht zu groß wird, gibt es eine Gegenbewegung, diese Macht einzudämmen.

Auch Aomame hört nun das erste Mal von den Little People. Ein zehnjähriges Mädchen hat es geschafft, sich aus den Fängen einer Sekte namens "Die Vorreiter" zu befreien. Dort war sie auf heftige Weise vergewaltigt worden - und alles, was sie bislang von sich gab, war ein Hinweiß auf die Little People, auch wenn mit diesem Hinweis niemand etwas anfangen konnte, Aomame nicht, und auch nicht die alte Dame, in deren Auftrag Aomame schon früher tätig war.

Die Vorreiter sind eine Gruppierung, die anfangs nur als Kommune eine Abkehr vom Materialismus leben wollte; mit ihren ökologischen Produkten hatten sie bald eine Marktnische besetzt, die Gruppe war immer stärker geworden. Und dann eines Tages zur Religionsgemeinschaft erklärt worden, mit allen rechtlichen Auflagen und Vergünstigungen. Aomame, die selbst als Kind von Zeugen Jehovas den Zwang einer solchen rigiden Gruppe kennen gelernt hatte, ist alarmiert, und bereit, den Führer der Gruppe auf ihre übliche Weise zu töten, um nicht noch mehr Mädchen zum Opfer werden zu lassen.

In ihrer Kindheit war Aomame jeden Sonntag mit ihrer Mutter von Tür zu Tür gezogen, um die Zeitschriften der Bewegung zu verteilen. Diese Sonntage jenseits der Vergnügungen ihrer Klassenkameraden waren eine Qual für sie - und etwas, was sie mit Tengo teilte, der ebenfalls Sonntag für Sonntag mit seinem Vater auf Tour ging, um Rundfunkgebühren einzukassieren.Es gibt nur wenige direkte Begegnungen zwischen den beiden Außenseitern - doch vor allem die letzte, die in einem Moment des festen Händedrucks bestand, blieb beiden nachhaltig im Gedächtnis.

Für Aomame ist dieser Mann die große Liebe, die ihrem Leben einen Halt gibt, auch wenn sie Tengo seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat und sich ganz bewusst entschieden hat, nicht nach ihm zu suchen. Sie ist eine beschädigte Seele, die ihre Kraft daraus bezieht, dass es etwas in ihrem Leben gibt, das sie bedingungslos lieben kann. Spätestens an diesem Punkt mag der geneigte Leser denken, dass Murakami vielleicht doch eine etwas kitschige Geschichte geschrieben hätte, einen Liebesroman voll wahrer und edlier Gefühle. In gewisser Weise stimmt das auch. Die Personen in diesem Roman zeichnen sich durch ein sehr klares Gefühlsleben aus. Genügsamkeit, Sorgsamkeit auch im Umgang mit dem eigenen Körper, mit dem, was man zu sich nimmt, wie man sich pflegt, ist ihnen gemeinsam, aber auch eine große Leere im Leben. Sie sind nicht eingebunden in einen turbolenten Freundeskreis, haben keine Familie oder aus gutem Grund mit ihr gebrochen. Sie haben keinen großen Ehrgeiz, kein Bedürfnis nach Gesellschaft oder Smalltalk, nur sexuelle Bedürfnisse, die bei Aomame durch gelegentliche One-Night-Stands, bei Tengo durch eine hauptsächlich auf Sex beschränkte Beziehung zu einer verheirateten Frau ausgelebt werden.

Man könnte Murakamis Figuren vielleicht als eindimensional bezeichnen; aber was seine Romane auszeichnet ist ja auch nicht das Wühlen in der Psyche, sondern … ja, was macht diesen Roman eigentlich so besonders, was hält mich von Anfang an in dieser doch ziemlich skurillen Geschichte? Zum einen ist es einfach spannend. Murakami hat seinen Text ausgezeichnet durchkomponiert, langsame Passagen wechseln sich mit handlungsstärkeren ab, die Erzählperspektive wird zwischen Tengo und Aomame augeteilt, dadurch entsteht ein gewisses Tempo und auch die Spannung, wann und wie sich die Erzählstränge zusammenfügen lassen.

Außerdem bietet dieser Roman für mich interessante Einblicke in die japanische Gesellschaft; die Protagonisten könnten zwar in vieler Hinsicht in so mancher Großstadt im Westen ebenso leben, aber diesmal gibt es auch einige Bezüge zur Zeitgeschichte. So ist es bestimmt kein Zufall, dass hier die Entstehung einer radikalen Gruppierung beschrieben wird; für mich liegt hier der Zusammenhang zu Murakamis Aufarbeitung der Giftgasanschläge in "Untergrundkrieg" nahe. Aber auch wenn die große Liebe hier ein wenig märchenhaft klingt, merkt man doch, dass sie als Sinnbild dafür steht, dass Liebe ein Gegengift zur Leere ist, die mit Konsum betäubt werden muss. Murakamis Figuren stellen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht auf eine grüblerische, selbstzweiflerische Weise; sie zeigen nur, dass es im Leben etwas geben sollte, das größer ist als man selbst.

Natürlich gibt es bei einem Roman von über 1000 Seiten ein paar kleinere Längen; mich hatte nach etwa 400 Seiten erstmal der große Leserausch verlassen, der Sog setzte erst nach gut 100 Seiten wieder voll ein. Auch stilistisch sollte man keine Perlen erwarten; die Sprache ist einfach, die Vergleiche wiederholen sich häufig und sind manchmal auch ein wenig übertrieben. Außerdem werden Teile des Vorhergegangenen immer wieder auch zusammengefasst und wiederholt; sicher eine gute Gedächtnisstütze für Leser, die das Buch über einen längeren Zeitraum hinweg lesen, aber für mich hätten es auch einge weniger sein können. Ein wenig kokettiert Murakami auch mit der zu erwartenden Kritik an seinem Werk; Tengo liest Rezensionen zur Puppe aus Luft, und die hier angesprochenen Kritikpunkte sind solche, die auch Murakami sicher immer wieder zu lesen bekommt. Lustig macht er sich dabei auch über so manche Metapher, die Rezensenten so gebrauchen; unter anderem bleiben die Leser in einem Bassin aus Fragezeichen zurück, weil nicht alle Aspekte der Geschichte am Ende aufgeklärt werden - ein Punkt, der mich sehr an so manchen Kommentar zu den rätselhaften Brunnen in seinen früheren Werken erinnert.

Aber bis auf diese kleinen Einschränkungen habe ich diesen Roman sehr gerne gelesen und warte nun gespannt darauf, dass auch die Fortsetzung auf Deutsch erscheint.

Haruki Murakami

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte nach seinem großen Erfolg "Naokos Lächeln" längere Zeit in Europa und den USA, heute wieder in Tokio. Er ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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