Maarten´t Hart - Das Wüten der ganzen Welt

Originaltitel: Het woeden der gehele wereld
Roman. Piper Verlag 1997
387 Seiten, ISBN: 3492225926

Was macht das Kind von armen Lumpenhändlern, das keine Freunde hat, von den Schulkameraden nur gehänselt und verprügelt wird, wenn er auf dem Speicher ein völlig verstimmtes Klavier findet? Er sucht Trost in der Musik.

Dort findet sein verwirrtes Knabengemüt auch Ruhe, als der Dorfpolizist anfängt, ihm kleine Geldstücke dafür zuzustecken, dass er die Hosen runterließ. Und auf diesem Klavier spielt er auch, als hinter ihm besagter Polizist erschossen wird. Unbeirrt spielt er weiter, nachdem er den Schus gehört hat, blickt sich nur um und sieht einen Mann mit Schlapphut, der auch auf ihn zielt - ohne jedoch abzudrücken.

Das ist auch alles, was er den Kriminalbeamten erzählen kann, die diesen Mord aufklären wollen.

Jahre vergehen, der Mord ist nach wie vor ungeklärt, wird aber regelmäßig wieder aufs Tapet gebracht. Und als Alexander anfängt, Klavierstunden zu nehmen, sich mit den Söhnen der Lehrerin anfreundet, merkt er auch, dass hier eine Verbindung bestehen könnte, ebenso wie zum Apotheker, der ihn immer wieder einlädt….

Aufgrund der großartigen Presse und des vielversprechenden Klappentextes waren meine Erwartungen an dieses Buch ziemlich hoch - Sprache gewordene Musik sollte ich hier vorfinden, dazu einen spannenden Kriminalroman - beides wurde nicht gehalten.

Die große Rolle, die Musik gespielt haben soll, wurde mit der Aufzählung von Musikstücken oder Plattheiten wie "liebte ich Bach zu jenem Zeitpunkt bereits mehr als Mozart?" abgehandelt - nichts dabei, das plastisch gemacht hätte, was die Musik in ihm bewegt hatte, was sie ihm wirklich bedeutet hatte.

Aber so blutleer wie diese angebliche Leidenschaft bleiben auch die Figuren des Romans. Niemand gewinnt wirklich Kontur, und auch die Handlung wirkt sehr an den Haaren herbeigezogen.

Dazu kommt, dass viele Figuren einfach ins Nichts laufen, Fäden, die gesponnen werden, einfach nicht verknüpft wurden.

Ehrlich gesagt habe ich mich vor allem in der ersten Hälfte ziemlich gelangweilt. Danach fiel zumindest diese gekünstelte Kindersprache mit den vielen niederländischen Einsprengseln weitgehend weg, was ich wesentlich angenehmer empfand.

Nun ja - wäre das Lob in der Presse nicht ganz so groß gewesen, mein Anspruch wäre es wohl auch nicht gewesen - und ebensowenig meine Enttäuschung.

Nein, kein Buch, das ich weiterempfehlen würde.

Maarten´t Hart

Maarten´t Hart, geboren 1944 in Maassluis als Sohn eines Totengräbers. Studium der Biologie in Leiden und dort Dozent für Tierethologie. Mit seinem umfangreichen Werk, vielfach übersetzt und verfilmt, hat er, einer der großen Einzelgänger der niederländischen Literatur, sich in Holland längst den Ruf eines modernen Klassikers erworben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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