Helene Hanff - 84, Charing Cross Road

Originaltitel: 84, Charing Cross Road
Roman. Hoffmann & Campe 2002
159 Seiten, ISBN: 3455026508

"Charming" - dieses Wort trifft den Inhalt dieses schmalen Büchleins wohl am besten. Einen Briefwechsel kann man darin nachlesen - zwischen der in New York lebenden Helene Hanff und Frank Doel, der in London in einem Antiquariat arbeitet und sie von dort aus mit Büchern versorgt. Eine Anzeige hatte den Stein ins Rollen gebracht; Helene Hanff war stets (und meist erfolglos) auf der Suche nach antiquarischen Ausgaben der Bücher, die sie lesen wollte - und in Amerika umfasste das Angebot für sie entweder unbezahlbare Ausgaben oder aber schmuddelige, schlecht erhaltene Bücher. Aber bald schon geht der Inhalt der Briefe über die Bestellung von Büchern hinaus; mit Erschrecken stellt die New Yorkerin fest, dass in London nach dem Krieg Lebensmittel rationiert sind, dass es an allem Möglichen fehlt. Und kurzerhand schickt sie ein Paket mit heißbegehrten Lebensmitteln in die Buchhandlung.

Es bleibt nicht bei dem einen Paket. Und es bleibt auch nicht beim Briefwechsel zwischen Helene und Frank. Auch andere Mitarbeiter aus dem Antiquariat entwickeln mehr als ein geschäftliches Interesse an der exzentrischen Frau aus New York. Immer wieder plant sie auch, endlich all den Leuten, von denen sie Briefe erhält, die sie mit ihren Wünschen und Temperamentsausbrüchen auf Trab hält, persönlich kennen zu lernen, endlich nach England zu reisen, nach London - in das Land, das sie aus der Literatur so gut kennt. Aber stets kommt etwas dazwischen. Mal ist es ein Auftrag, dann eine neue Wohnung - und dann ist es plötzlich zu spät. Ganz unvermittelt stirbt Frank Doel. Erst als die Briefsammlung als Buch erscheint, erfüllt sich ihr alter Traum.

Ja, wirklich charming - die kratzbürstige Kundin in New York, die in ihren Briefen nicht an Kommentaren über die Langsamkeit ihrer britischen Buchlieferanten spart, deren Begeisterung für Bücher aus jeder Zeile zu spüren ist; genau das ist es wahrscheinlich, was auch den Leser des Buches anspricht, der ja selbst weiß, was es heißt, ein schönes Buch in Händen zu halten, welche Verheißungen es birgt.

Ich könnte mir vorstellen, dass das rege Interesse, das dieses Buch heute, 30 Jahre nach dem ersten Erscheinen, wieder hervorruft, durch ähnliche Erfahrungen der Leser geprägt ist: Internet hat das Briefeschreiben ersetzt. Aber Internet hat auch den Kontakt mit Menschen am anderen Ende der Welt, die wir nicht kennen, ganz wesentlich erleichtert.

Nun zu lesen, wie in den 50er, 60er Jahren zwischen New York und London ganz sachte, langsam persönliche Bande entstehen, spricht uns wahrscheinlich aus diesem Grund so ganz besonders an.

Schön zu verfolgen ist auch der Gegensatz der Schreiber; während Helene Hanff unverblümt, oft fast unverschämt schreibt, was immer ihr in den Sinn kommt, bleibt Frank Doel lange, sehr lange förmlich, wenn auch herzlich. Aber als er dann auftaut, dann so, wie man es von einem Briten erwartet - stilvoll, humorig, und nie, nicht im Ansatz, anbiedernd.

Es ist ein herzerwärmendes Stück Zeitgeschichte - sehr zu empfehlen!

Helene Hanff

Helene Hanff wurde 1917 in Philadelphia geboren. Sie starb 1997 in New York, wo sie auch meist lebte. Ihre schriftstellerischen Arbeiten waren zwar nicht erfolglos, richtig bekannt wurde sie allerdings erst durch den Briefwechsel mit Frank Doel, der 1970 veröffentlicht wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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