Petra Hammesfahr - Der Puppengräber

Originaltitel: Der Puppengräber
Krimi. Rowohlt Verlag 1999
400 Seiten, ISBN: 349922528X

Es ist eine Dorfgemeinschaft, wie jeder sie kennt. An der Oberfläche sieht man nur die Familienbande, die lange Tradition haben, den Zusammenhalt, die Tatsache, dass jeder jeden kennt. Aber unter dieser Oberfläche verbergen sich die Zwistigkeiten, die nicht so offen ausgetragen werden. Den Korb, den man in jungen Jahren gibt, die Nazivergangenheit des Vaters hier, eine Übervorteilung da, das sind die Dinge, die man nur dann weiß, wenn man im Dorf aufgewachsen ist. Und den Alten immer mal wieder zugehört hat.

Denn wenn man als Fremder ins Dorf kommt, erfährt man nur, was man auch selber sehen kann. Dass es da zum Beispiel einen Behinderten gibt, einen jungen Mann mit den Kräften eines Holzfällers und dem Verstand eines Zweijährigen - das wird niemand erzählen. Und doch hätte die Erwähnung dieses Ben vielleicht einiges verhindern können.

Denn es gab einen Sommer, da war nichts wie sonst in dem kleinen Dorf, das mittlerweile ein Vorort einer Kleinstadt geworden war. In diesem Sommer verschwanden einige Mädchen. Spurlos. Und der Verdacht lag nahe, dass sie einen sehr gewaltsamen Tod erleiden mussten. Und dass die Ursachen dafür sehr weit zurück liegen. Der Verdacht fiel natürlich vor allem auch auf den Mann, der seine Bedürfnisse nicht zügeln konnte. Der eigentlich gar nicht wusste, was das war, ein Mädchen erschrecken. Und der dabei beobachtet worden war, Puppen zu zerschlitzen, sich unanständig auf ihnen zu bewegen, und sie dann zu vergraben...

Irgendwie schafft sie es immer wieder. Petra Hammesfahr hat einfach ein Talent dafür, ihre Geschichten so zu erzählen, dass ich auf alle Fälle wissen will, was denn nun eigentlich dahinter steckt. Dabei hat sie es mir mit diesem Buch wahrlich nicht einfach gemacht. Wie im richtigen Dorfleben üblich, gibt es da eine ganze Menge von Personen, die irgendwie mit in die Geschichte verstrickt sind, aber eigentlich nichts wesentliches zum Handlungsablauf beitragen. So, als würde die Geschichte am Stammtisch erzählt - da weiß man, als Vertrauter, meist auch nicht, wen man eigentlich auslassen könnte. Auch wenn in diesem Buch vorne ein Personenregister mit kurzer Beschreibung angefügt ist - das man auch auf alle Fälle braucht - eine Kürzung hätte dem Buch nicht geschadet. Ein paar der unwesentlichen Handlungsstränge reduziert, ein paar Namen weggelassen, und schon könnte man dem Handlungsverlauf besser folgen.

So bleibt das schon relativ anstrengend. Aber was Petra Hammesfahr hier neben dem klassischen Krimi erzählt, ist die Geschichte eines Behinderten, der von seiner Familie zwar geliebt, aber deshalb nicht unbedingt gut behandelt wird. Und dem die Förderung fehlt. Diese Beziehungsgeflechte hat die Autorin so überzeugend dargestellt, dass man wirklich nur raten kann: lesen! Ein Buch, das nicht so schnell wieder loslässt, und dabei, wenn man die einzelnen Protagonisten erst einmal kennt, auch ausgezeichnet unterhält.

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr, geb. 1952, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Kerpen bei Köln. Ihr Roman "Der stille Herr Genardy" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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