Petra Hammesfahr - Die Mutter

Originaltitel: Die Mutter
Krimi. Rowohlt Verlag 2000
397 Seiten, ISBN: 3499229927

Friede, Freude, Eierkuchen. Eine glückliche Familie - Jürgen und Vera, seit 20 Jahren verheiratet, 2 Töchter, Anne und Rena, die gemeinsam mit Veras Eltern erst vor ein paar Jahren in einen alten Bauernhof gezogen waren. Ein harmonisches Familienleben - natürlich gab es kleine Auseinandersetzungen, wie sie überall vorkommen.

Dann kommt Rena eines abends nicht nach Hause. Sie war, wie üblich, im Reitstall gewesen. Als zu Hause sehr spät bemerkt wurde, dass sie fehlte, hatte Vera dort angerufen - daraufhin war Rena wohl aus dem Stall geflitzt - während Vera sich auf den Weg machte, sie abzuholen. Sie hätten sich verpasst. Rena war nicht mehr da, war ihr unterwegs nicht über den Weg gelaufen, und wurde auch bei der einige Stunden später stattfindenden Suchaktion nicht gefunden.

Im Gegensatz zur Familie glaubt die Polizei nicht an ein Verbrechen - sondern an etwas viel Naheliegenderes - dass Rena die Gunst der Stunde genutzt und von zu Hause weggelaufen wäre. Eine Unterstellung, die empört zurückgewiesen wird: niemals hätte sie das getan! Viel zu gut hätte sie es daheim gehabt, sie hätte doch überall Verständnis vorgefunden, ob für schlechte Noten, ihre Pferdeversessenheit - ja, man hätte ihr sogar ein eigenes Pferd zum Geburtstag geschenkt!

Dass es das falsche Pferd war, wird dabei nicht erzählt - und auch nicht, dass Veras Mutter an Rena nur herumgenörgelt hatte, dass ihr der Umzug von der Stadt aufs Land unglaublich schwer gefallen war, und dass sie erst durch den Reiterhof etwas wie ein Zuhause gefunden hatte.

Und Renas Tagebücher verraten noch mehr - sie hatte noch mehr - sie hatte Veras Tagebücher gefunden, und darin entdeckt, dass sie nicht gewollt war, dass ihre Mutter damals alles versucht hatte, dieses ungeplante Lebewesen abzutöten und von den Plänen ihrer alten Freunde steht darin zu lesen, die abhauen und sie mitnehmen wollten. Vom Drogenkonsum dieser alten Clique lesen sie - und von Renas Versuchen, sich von der Gruppe ein wenig zu distanzieren.

Doch als der Kleinbus, mit dem die Freunde unterwegs waren, gefunden wird, einer davon beinahe zu Tode geprügelt auftaucht und ein seltsamer Anruf bei der Polizei eingeht, glaubt man nicht mehr an eine gemeinsame Flucht - denn von Rena war keine noch so kleine Spur, kein Härchen im Bus gefunden worden.

Also wird doch die Möglichkeit in Erwägung gezogen, es könnte ein Verbrechen geschehen sein....

Das Buch lebt vor allem von der Spannung, die zwischen den Familienmitgliedern herrscht - die zuerst nur unterschwellig spürbar ist, die aber unter zunehmendem Druck immer weiter herausbricht.

Da sind Veras Konflikte mit den Eltern, vor allem mit der Mutter, die sie als herrschsüchtig und oberflächlich und vor allem kalt erlebt, der früher so verehrte Vater, der sich als Nazi entpuppt - und der Ehemann, der seine Mutter und ihren "Beruf" immer verheimlicht hatte, über seine Verhältnisse lebt und trotzdem nicht zugeben kann, sich verkalkuliert zu haben - und auch Vera selbst, die sich ihr Leben lang etwas vorgelogen hatte, und nun langsam und schmerzhaft aufwacht.

Dabei ist es der Autorin gelungen, ihre Figuren sehr lebendig zu zeichnen - zumindest Vera und Jürgen werden ziemlich komplex dargestellt, sehr menschlich, mit ihren Höhen und Tiefen, ihrer Entwicklung, ihren Lebenslügen, dem komplizierten Beziehungsgeflecht, das zwischen ihnen herrscht. Sie rufen abwechselnd Mitleid, Ärger, Entsetzen hervor - etwas, was bei den anderen Figuren meist nur angerissen bleibt.

Alles in allem ein sehr guter, spannender und packender Thriller, nach dessen Ende man sich immer noch fragt: Was ist nun eigentlich wirklich geschehen? Lebt sie noch? Wurde sie ermordet? Soll man mit der Mutter hoffen oder mit dem Rest der Familie resignieren? Die Autorin verrät es nicht....

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr, geb. 1952, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Kerpen bei Köln. Ihr Roman "Der stille Herr Genardy" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©13.11.2000 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing