Petra Hammesfahr - Meineid

Originaltitel: Meineid
Krimi. Rowohlt Verlag 2001
379 Seiten, ISBN: 3499229412

Für die Öffentlichkeit gab es nur zwei eng befreundete Paare. Greta und Tess, die beiden Frauen, kannten sich bereits seit 30 Jahren, hatten ihre Freundschaft durch nichts zerstören lassen. Freundschaft bis in den Tod. Und der erfolgte mit drei gezielten Messerstichen.

Drei Messerstiche, wie Jan sie in seinem Manuskript tausendmal beschrieben hatte, in den unzähligen Varianten der Eingangsszene zu seinem großen Roman. Aber der Reihe nach.

Greta und Tess, die beiden Freundinnen, waren schon zu Schulzeiten so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten. Tess, die lebhafte, hübsche, die jedermanns Aufmerksamkeit erregte - und die schüchterne Greta mit den krausen Haaren, den schiefen Zähnen und der dicken Brille. Tess, die jeden Tag mit anderen dick aufgetragenen Lügengeschichten daherkommt, deren Phantasie keine Grenzen kennt - und dazu die aufrichtige Greta. Nach dem Abitur beginnt Greta ihr Studium, Tess beschließt, zu leben. Und Greta hat Erfolg. Ein guter Studienabschluss ist vorauszusehen - und auch der Einstieg in eine renommierte Kanzlei. Denn Greta hat einen Mann kennen gelernt, liebt ihn, will ihn heiraten; Niclas Brand. Sein Vater hat eine große Kanzlei und freut sich schon auf den Einstieg der zukünftigen Schwiegertochter, die Pläne für den Umbau der Villa sind fast fertig - da lernt Niclas Tess kennen. Nicht, dass sie ihm Hoffnung gemacht hätte, jahrelang weigert sie sich, auch nur am Telefon mit ihm zu sprechen. Aber Greta kann er danach nicht mehr heiraten.

Die Freundschaft der beiden Frauen übersteht diese Zerreißprobe. Und nach dem Examen akzeptiert Niclas´ Vater zwar, dass Greta nicht zu seiner Schwiegertochter wird - in seiner Kanzlei will er sie aber trotzdem haben. Und nach und nach normalisiert sich auch das Verhältnis zu Niclas; dessen Verliebtheit bleibt, was es damals schon war: eine Verliebtheit, eine Torheit. Etwas, das er bitter bereut, denn er will nur Greta zurück - was sie ihm, trotz gegenteiliger Beteuerungen, nicht glaubt. Aber eine Affäre, die gesteht sie ihm zu; ein sauberes Abkommen, keinerlei Ansprüche oder Rechtfertigungen. Und so erzählt sie ihm auch, als sie Jan kennen lernt - Jan, der gerade erst in die Wohnung nebenan eingezogen war. Ein Schriftsteller; als Drehbuchautor erfolgreich, aber mit größeren Ambitionen. Einen Krimi will er schreiben, der das Format von Scott Turjews "Aus Mangel an Beweisen" hat. Und hauptsächlich im Gerichtssaal spielen soll; Greta ist nur zu gern bereit, ihn hier zu unterstützen. Und sie lässt keine Gelegenheit aus, Jan zu sehen; heftiger hätte sie sich nicht verlieben können. Die Warnungen, die Niclas nicht lassen kann, schlägt sie in den Wind; blind vertraut sie ihm, diesen Mann, der ihren Verführungskünsten dennoch so konsequent widersteht. Aber auch diesmal kommt Tess ihr in die Quere - unwissend, wie auch schon beim ersten Mal. Denn niemand hat ihr erzählt, welche Gefühle Greta hegt, niemand war auch nur auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet diese beiden ein Verhältnis miteinander beginnen könnten. Zumal Tess nach wie vor, für sie ganz untypisch, dem einen Mann hörig war, dessen Identität sie niemandem verraten wollte, noch nicht einmal, nachdem sie ein Kind von ihm bekommen hatte.

Aber auch die Hochzeit der beiden übersteht Greta, ist Trauzeugin, wünscht alles Gute, ist nach wie vor die beste Freundin. Doch dann gibt es die drei Messerstiche...

Eigentlich ist die Handlung dieses Buches an vielen Stellen, spätestens ab der Hälfte aber sicher, an den Haaren herbeigezogen. Auch die Geschichte der zwei Paare, des zweimaligen Verrats der Freundschaft, ist ziemlich dick aufgetragen, wie auch die Figur des Jan an sich.

Eigentlich also lauter Vorraussetzungen für einen höchstens mittelmäßigen Krimiplot; aber der Plot ist es auch nicht, was das Buch in diesem Fall so spannend macht. So unglaubwürdig die einzelnen Szenen, gerade im Rückblick, auch sind - während man es liest, ist man gefesselt, und die eigenen Schlussfolgerungen führen einen ein ums andere Mal in die falsche Richtung, denn plötzlich ist doch alles wieder ganz anders.

In den meisten Fällen würde ich also einen Krimi, der mich so viele Ungereimtheiten schlucken lässt, zum Schluss genervt zur Seite legen. Aber da ist noch etwas: Denn Petra Hammesfahr kann schreiben. Und das ziemlich gut; auch wenn insgesamt der Plot etwas wackelt, die einzelnen Szenen sind dramaturgisch hervorragend aufgebaut, die Lösung baumelt immer wie eine Karotte vor dem Auge des Lesers, und so liest und liest und liest man...

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr, geb. 1952, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Kerpen bei Köln. Ihr Roman "Der stille Herr Genardy" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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