Petra Hammesfahr - Der gläserne Himmel

Originaltitel: Der gläserne Himmel
Krimi. Rowohlt Verlag 2000
414 Seiten, ISBN: 3404922913

So vieles versteht man nicht, wenn man noch ein Kind ist. Warum man plötzlich für Wochen zur Tante gebracht wird, weil die Mutter angeblich in der Klinik ist - und man doch schon als Kind ahnt, dass die Erwachsenen hier nicht die Wahrheit sagen. Warum man, wenn man gerade begonnen hat, sich richtig glücklich zu fühlen, wieder weg muss aus dem kleinen Dorf und den dazu gehörigen Freiheiten.

Aber diese kurze Zeit prägt Christian Hochstedt entscheidend. Hierher will er wieder zurück, unbedingt. Und zwar als Lehrer; als ein Mensch, der anderen unsicheren Kindern helfen kann, der ihnen beisteht.

Aber als er dann sein Ziel erreicht und hier unterrichten darf, erlebt er etwas völlig anderes: die Kinder stellen sich gegen ihn, sind alles andere als hilfsbedürftig. Das alles geht von zwei Jungen aus: die Zwillinge vom Birkenhof. Keiner will ihm etwas erzählen über diese seltsame Familie, nicht einmal seine Tante; vage Andeutungen um einen frühen Unglücksfall, um einen Skandal über ein junges Mädchen und einen Lehrer sind alles, was ihm zu Ohren kommt. Und dass es da noch Sina gibt, die Dorfprinzessin, die schon so manchem Mann hier den Schlaf geraubt hat.

Auch Christian raubt sie den Schlaf - seit er sie das erste Mal gesehen hat, träumt er jede Nacht von ihr. Wilde, leidenschaftliche, grausame Träume sind es - und sie scheint zu wissen, was er sich erträumt. Ihre Angebote sind eindeutig, doch noch kann er sich zurückhalten. Seine Beziehung zu Sylvia, der jungen hübschen Lehrerin beendet er trotzdem; nichts von dem, was er bei Sina sieht, könnte sie ihm geben, nichts von der Glut, der Leidenschaft. Sie wären wie Feuer und Wasser, erklärt Sina ihm bei einem ihrer wenigen Treffen; und wenn das Feuer zu heiß wird, zerspringt der Topf und kann nichts mehr bei sich behalten.

Es gibt für Christian keine Möglichkeit, von Sina loszukommen - und so heiratet er sie. Unermessliches Glück durchleben sie beide; unermessliches Leid aber ebenso. Denn immer wieder ist Sina nicht sie selbst, immer wieder tauchen Stücke aus der Vergangenheit auf, die sie nicht kennen kann - und Christian entdeckt, dass es da noch etwas in ihr gibt....

Eigentlich mag ich ja Romane nicht, die sich auf die Faszination von Seelenwanderung und Okkultem stützen. Und insgesamt gesehen weißt der Plot schon so einige Schwächen auf; richtig plausibel wird nicht, warum Christina sich denn nun unbedingt rächen will. Auch das Rollenbild, das hier gezeichnet wird, erschreckt durch die unglaubliche Altmodische Art; natürlich arbeitet keine der verheirateten Frauen, natürlich besorgen sie alle zu Hause nur den Haushalt und schminken sich, und ebenso natürlich rührt auch Christian keinen Finger im Haushalt.

Aber eines kann man Petra Hammesfahr einfach nicht absprechen: sie kann wunderbar spannend erzählen. Und wenn man gerade an einem der düsteren Herbstabende jetzt in eine etwas andere Welt entführt werden will, ist man mit dem "Gläsernen Himmel" bestimmt für ein paar Stunden gut bedient.

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr, geb. 1952, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Kerpen bei Köln. Ihr Roman "Der stille Herr Genardy" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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