Petra Hammesfahr - Der stille Herr Genardy

Originaltitel: Der stille Herr Genardy
Krimi. Rowohlt Verlag 1997
334 Seiten, ISBN: 3499230305

Herr Genardy wohnt in bescheidenen Verhältnissen, ruhig und unauffällig in einem Haus über einer Tierhandlung. Hier drückt sich seit einigen Wochen auch ein junges Mädchen herum, die Nase am Schaufenster plattgedrückt. Vorsichtig, ganz vorsichtig bahnt sich ein stilles Einverständnis zwischen Kind und dem älteren Herrn an; sie beginnen, sich zu grüßen, ab und an ein paar Worte zu wechseln.

Sigrid, alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter, ist von schweren Geldnöten geplagt; die Untermieterin, die bisher für sie auch Babysitterdienste, kleine Hausarbeiten übernommen hatte, zieht zu ihrer Tochter, und sie ist gezwungen, einen neuen Mieter ins Haus zu nehmen. Eine stille, ältere Frau wünscht sie sich.

Die Mieterin, die sie sucht, scheint es aber nicht zu geben. All das, was sie auf keinen Fall im Haus haben will, meldet sich. Da erscheint der gepflegte, nette ältere Herr der unangekündigt vor der Tür steht, noch als wahrer Glücksgriff. Und Kinderlärm scheint ihm auch nichts auszumachen - ganz im Gegenteil, er strahlt geradezu, als er merkt, dass hier Kinder anzutreffen sind. Das wäre er vom Zuhause seines Schwiegersohnes gewöhnt, der auch mehrere Kinder hätte, erzählt er.

Eines Tages ist die Tochter von Sigrids Arbeitskollegin spurlos verschwunden. Tage später findet man sie wieder - tot. Die Spur führt zu einer Tierhandlung. Und in Sigrid keimt ein schrecklicher Verdacht auf....

Schon nach den ersten Seiten weiß man, was der stille, nette und unauffällige Herr Genardy im Schilde führt. Man kann sein Heranpirschen mit verfolgen, seine kleinen Schwindeleien, mit denen er sich eine ansprechende Vergangenheit zurechtbiegt.

Und man sieht Sigrid mit ihren Vorahnungen, ihren undefinierten Gefühlen und Ängsten. Am liebsten möchte man sie die ganze Zeit schütteln und sagen: he, du hast da schon den richtigen Verdacht, du hast Recht mit deinen Ängsten. Um Gottes Willen, hol dein Kind da raus!!!

Und so liest man weiter, ohnmächtig, im sicheren Bewusstsein, nicht helfen zu können, gezwungen zu sein, alles mit anzusehen (bzw. zu lesen) - und nichts dagegen tun zu können....

Ein unglaublich spannender Thriller - und zudem ein Buch, das den Leser mit einem sehr beklemmenden Gefühl zurücklässt....

Sollte man frischgebackenen Eltern nicht ungedingt zu lesen geben!

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr, geb. 1952, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Kerpen bei Köln. Ihr Roman "Der stille Herr Genardy" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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