Roman Haller - Davidstern und Lederhose

Originaltitel: Davidstern und Lederhose
Roman. Diverse 2001
111 Seiten, ISBN: 3858424137

Roman Haller wurde 1944 in einem Wald in Polen geboren - wann genau, weiß keiner mehr so recht. Damals hatte man wichtigeres zu tun, als auf das genaue Datum zu achten - wichtiger war erstmal, zu überleben. Denn die Eltern waren gemeinsam mit 10 anderen Juden in diesem Wald versteckt - Babygeschrei könnte den sicheren Tod bedeuten.

Nach dem Krieg gab es für die meisten überlebenden Juden nur einen Wunsch: raus aus Deutschland, nach Amerika oder nach Israel. Ein Wunsch, der sich nicht umgehend realisieren ließ - und so landeten viele Juden ausgerechnet in Bayern, im Zentrum des Regimes, von dem sie gerade erst ausgelöscht hatten werden sollen. Warum ausgerechnet Bayern? Weil das die amerikanische Zone war - das Sprungbrett in die Freiheit.

Aber viele Familien hatten dann, als sie endlich die Ausreisepapiere in der Tasche hatten, den Mut und die Kraft nicht mehr, noch einmal völlig von vorne anzufangen, alles hinter sich zu lassen, noch einmal eine neue Sprache zu lernen. Sie blieben in Bayern. Und so entstand paradoxerweise ausgerechnet am Ort der Vernichtung wieder ein Zentrum jüdischen Lebens.

Roman Haller war mit seinen Eltern in München geblieben. Wie war das damals, als bayerischer Jude aufzuwachsen? Um diese Erinnerungen zu bewahren, hat er versucht, seine Eindrücke von damals aufzuschreiben, sie dem Vergessen zu entreißen.

Er schildert hier in kurzen Abschnitten, wie seine Eltern und auch viele ihrer Freunde keine Veranlassung sahen, deutsch zu lernen - schließlich war das Jiddische dem Deutschen so ähnlich, dass man auch so gut verstanden wurde. Bis auf das eine oder andere Missverständnis, das er humorvoll schildert.

Oder auch die gute bayrische Lederhose, das Lieblingskleidungsstück, mit dem er am liebsten tagein, tagaus herumgelaufen wäre - gemeinsam mit einer Bande anderer Jungen.

Jeder Blick, jede Geste, die sie beobachteten, ließ sie aber auch die Vergangenheit nicht vergessen. Mit steigendem Selbstbewusstsein kamen dann die Phrase, die jeden sofort zum Erstummen brachte: "Sind Sie etwa Antisemit?"

"Davidstern und Lederhose" lässt zwar stilistisch an vielen Punkten zu wünschen übrig, aber das ist auch gar nicht der Anspruch dieses schmalen Bändchens. Es ist ein Zeitdokument, das mir aus mehreren Gründen sehr gut gefallen hat: diese Nachkriegszeit wird ohne die Bitterkeit geschildert, die man eigentlich hätte erwarten können; es ist kein einseitiger, enger Blickwinkel, den Haller hier verwendet, er schildert die Schwächen seiner kleinen Gemeinschaft genauso wie die der bayerischen Nachbarn, und er macht das in einem warmen Ton. Er verwendet den moralischen Zeigefinger nicht, klagt nicht an - und bewirkt dadurch, dass man seine Geschichten nicht mehr so schnell aus dem Kopf bekommt, dass man wieder sensibler darauf achtet, wie jüdisches Leben in Deutschland heute möglich ist.

Ein Buch, das ich gerne weiterempfehle.

Roman Haller

Roman Haller, geboren 1944 im Wald von Tarnopol/Polen, wo sich seine Eltern und zehn weitere Juden bis zum Ende der Naziherrschaft versteckt hielten. Kam nach dem Krieg nach München, wo er seitdem lebt und als Unternehmer tätig ist. War Präsident der B´nai B´rith Logen in Deutschland und leitete verschiedene internationale gemeinnützige Organisationen und Gesellschaften

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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