Erich Hackl - Die Hochzeit von Auschwitz

Originaltitel: Die Hochzeit von Auschwitz
Roman. Diogenes 2002
184 Seiten, ISBN: 3257063245

Am 18. März 1944, mitten im Krieg, auf dem Höhepunkt der Vernichtungsmaschinerie in den Konzentrationslagern, heiraten der Wiener Rudi Friemel und die Spanierin Marga Ferrer. An sich noch keine Nachricht, die bemerkenswert erscheint - bis man sich ansieht, wo sie geheiratet haben: Im Konzentrationslager Auschwitz, in dem Friemel noch im selben Jahr hingerichtet werden sollte.

Die Geschichte eines überzeugten Kommunisten, der in Spanien gegen Franco gekämpft hatte und sich dabei in die schöne, zarte Marga verliebte, setzt sich aus einer Vielzahl von Stimmen zusammen; zu Wort kommen Margas Schwester; Rudis Vater, sein Sohn aus erster Ehe, Mitgefangene in Auschwitz oder auch schon in Wien, denn aktenkundig war Rudi Friemel schon lange vor dem Krieg gewesen.

Es dauert eine Weile, bis man aus dem Stimmengewirr, dem fortwährenden Wechsel der Erzählzeit, eine Geschichte herauszuschälen beginnt; ich habe das Buch nach den ersten 30 Seiten erst für einige Wochen beiseite gelegt, bis ich dann in den Rhythmus der Erzählung gefunden habe.

Erich Hackl hat auch diesmal, wie in seinen bisherigen Büchern, eine wahre Begebenheit wieder zum Leben erweckt; er macht es dem Leser nicht einfach, aber seine kleinen Geschichten erweisen sich stets als wuchtiger Spiegel der Gesellschaft.

Ein Buch, das ich nur aus ganzem Herzen empfehlen kann.

S. 84f:
Los los, bewegt euch!, riefen die SS-Männer, als unser Transport, sechzehn Monate nach Rudis Ankunft, im Bahnhof der Ortschaft eintraf. Es war stockfinster, es war Nacht, es war Verdunkelung angeordnet. Im Schnellschritt haben sie uns zum Lager getrieben, wo wir, außerhalb der Mauer, ins Empfangsgebäude gesperrt wurden, das damals noch im Bau war. Erst im Morgengrauen sind wir durch das Eingangstor marschier. Rein in einen Block, dann duschen, scheren, registrieren. Kleider fassen, in Holzpantinen schlüpfen. Die Verwandlung, vom Volksfeind zur Nummer. Aber es wäre falsch anzunehmen, dass wir das ganze Ausmaß des Schreckens gleich mitbekamen. Dabei waren wir nicht ahnungslos. Wir wussten, andeutungsweise, wie es in den Konzentrationslagern zuging. Ich wusste es schon seit 1933, als ich in österreichischen Zeitungen gelesen hatte, dass dort Menschen zu Tode geschunden oder erschlagen werden, dass es offiziell aber heißt: auf der Flucht erschossen. (Doch den Lieblingssport der SS-Männer, das Mützewerfen, kannte ich nicht. ) Ich wusste auch, dass Häftlinge, die zu fliehen versuchten, gehenkt wurden. (Doch das Verhungernlassen im Stehbunker, die Genickschüsse an der Schwarzen Wand, die Boger-Schaukel bei den Vernehmungen kannte ich nicht. ) Ich glaube mich auch zu erinnern, schon während des Transports von den Judenvernichtungen gehört zu haben. Ein Mitgefangener hatte behauptet, dass Thomas Mann im amerikanischen Rundfunk davon gesprochen habe. Aber vielleicht trügt mich mein Gedächtnis, deshalb misstraue ich ihm: es mengt Erlebtes und Gehörtes, hält sich an keine Abfolge, gehorcht nicht dem Kalender, sondern den Jahreszeiten.


Erich Hackl

Erich Hackl wurde 1954 in Steyr (Oberösterreich) geboren, studierte Germanistik und Hispanistik in Salzburg und Málaga. Ab 1977 Lektor und Lehrer in Madrid und Wien, seit 1983 freier Schriftsteller und Übersetzer sowie Herausgeber von Werken unbekannter oder an den Rand gedrängter Autoren.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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