Doja Hacker - Bin ich böse

Originaltitel: Bin ich böse
Roman. Piper Verlag 2002
198 Seiten, ISBN: 3492043933

Selbst der Protagonist dieses Buches, Heinrich, ist sich bewusst, ein Klischee zu erfüllen, als er, der erfolgreiche Geschäftsmann, natürlich glücklich verheiratet, ein Verhältnis mit einer viel jüngeren Frau anfängt. Dabei fand er sie optisch noch nicht einmal wirklich attraktiv; es war ihre Unberechenbarkeit, ihre Freiheit, die ihn lockte. Aber mehr als nur eine Geliebte war sie nicht für ihn; jemand, den es neben der Familie gibt, für die man aber nie die eigene Frau, die Kinder verlassen würde.

Sich die nötigen Freiräume zu schaffen, die ein Verhältnis erforderte, war aber nicht so einfach, wenn die Ehefrau das Geschäft mit einem gemeinsam führt; und so spielt Heinrich denn dann auch schon bald mit offenen Karten. Er erzählt von Marie, will, dass die beiden Frauen sich kennen lernen, am besten auch Freundinnen werden.

Doch ganz so einfach, wie er sich das vorstellt, funktioniert es natürlich nicht - und je verzwickter die Situation wird, umso mehr verschlechtert sich auch der Zustand seiner Firma...

Um die Frage zu beantworten, die Doja Hacker mit diesem Buchtitel gestellt hat: Bin ich böse? - Nein. Um böse zu sein, um einen Nerv zu treffen, etwas bloßzulegen, dazu ist dieses Buch leider viel zu harmlos.

Doja Hacker kann schreiben, daran besteht kein Zweifel. Aber leider versucht sie hier, sich in die Gedankenwelt eines in die Jahre kommenden Geschäftsmanns zu versetzen, der fremdgeht; ein Versuch, der gründlich misslingt. Der Erzählplot strotzt geradezu vor lauter Klischees, die Figuren bleiben blass, keiner der Protagonisten gewinnt an Konturen, und vor allem: es fehlt an Glaubwürdigkeit, an Identifikationsmöglichkeiten.

Gut ist dieses Buch nur an dann, wenn die Autorin sich die Mühe macht, Szenen im Detail zu beleuchten, Stimmungen zwischen den einzelnen Figuren zu erzeugen. Das geschieht leider nicht allzu oft, meistens ist man als Leser gefangen in den langweiligen Gedankenfäden Heinrichs, aber es lässt zumindest eine Ahnung zu, dass die Autorin mehr könnte - wenn sie endlich einen Stoff findet, den sie nicht am Reißbrett entwirft, der aber dafür Leben enthält.

Doja Hacker

Doja Hacker wurde 1960 in Hamburg geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit in Kiel und ging 1979 nach Berlin, um zu malen. Nach einer halben Ausbildung studierte sie Literaturwissenschaft und schrieb Kritiken für verschiedene Tageszeitungen. Seit 1995 schreibt sie für das Kulturressort beim "Spiegel" in Hamburg.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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