Batya Gur - Stein für Stein

Originaltitel: even tachat even
Roman. Berlin Verlag 1999
318 Seiten, ISBN: 3827003024

Rachelas Sohn Ofer war einem Rekrutenscherz, einem traditionellen Ritus, zum Opfer gefallen und sofort seinen schweren Verletzungen erlegen.

Die Armee hatte auf seinem Grabstein die "Formulierung Nr. 2" eingesetzt - "Gefallen in Erfüllung seiner Pflicht". Eine Formulierung, die in Rachelas Augen die ganze Verlogenheit der Armee wiederspiegelt, ihr Leugnen der Verantwortung, die sie für die jungen Rekruten übernimmt. Sie sprengt in einer nächtlichen Aktion diesen Grabstein in die Luft und setzt an dessen Stelle eine von ihr selbst gestaltete Mamorstatue.

Diese Aktion ist jedoch nur ein gewaltsames Zeichen für den Aufruhr, der in ihr brodelt. Sie lässt kein Trauern und Verzeihen in sich zu, nichts, was den Hass abschwächen könnte. Bei den Gerichtsverhandlungen, die gegen die Verantwortlichen Offiziere geführt wird, macht sie immer wieder mit Zwischenbemerkungen auf sich aufmerksam - auch in dem sicheren Bewusstsein, als trauernde Mutter nicht des Gerichts verwiesen zu werden. Sie will nicht diese beiden Offiziere schuldig gesprochen sehen; diese sind für sie nur ein Symbol der wirklich Schuldigen, der hohen Befehlshaber der Armee, die sich aus der Verantwortung stehlen wollen.

Ihr Beispiel aktiviert auch noch andere Betroffene, hauptsächlich Mütter, die sich gegen die staatlich reglementierten äußeren Zeichen der Trauer zu wehren beginnen.

"An dem Ort, an dem wir Recht haben, werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr" - dieses Zitat verwendet der Nachtwächter, der Rachelas Sabotageakt am Grab beobachtet hatte, als sie ihn Wochen später unverhofft aufsucht.

Dass Recht nicht immer Gerechtigkeit bedeutet, das weiß auch der diesen Fall bearbeitende Richter - ein Grundsatz, den er auch Rachela zu vermitteln versucht.

Dies ist eine der ganz großen Stärken dieses Buches: das "der Fall" von vielen verschiedenen Seiten beleuchtet wird, die Schwierigkeiten bei der Rechtssprechung genauso Gehör finden wie die Wünsche und Tränen der Eltern.

Denn eines ist es vor allem anderen: ein Buch über die Trauer und den Umgang damit. Mit ihrer Verbissenheit, der Maßlosigkeit, mit der sie alles andere aus den Augen verliert, löst Rachela sich immer mehr von ihrer Familie, entfernt sich von ihrem Mann, der keine Kraft mehr hat, neben dem Verlust des Sohnes nun auch noch den Kampf durchzustehen. Sie lässt niemanden mehr an sich heran, sie will sich vor allem nicht weich machen, keinen Abschwächungsprozess bei sich selbst einsetzen lassen.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das ein Stück Israel zeigt, das nur noch wenig mit den Anfangszeiten gemein hat - mit überzeugenden, sensibel gezeichneten Charakteren.

Batya Gur

Batya Gur wurde in Tel Aviv geboren. Sie war lange Jahre Dozentin für Literatur. Heute lebt sie als freie Autorin und Kritikerin der angesehenen israelischen Tageszeitung Haáretz in Jerusalem. Sie veröffentlichte mit großem Erfolg etliche Kriminalromane mit dem Kommissar Michael Ochajon und den von der Kritik gefeierten und in zwölf Sprachen übersetzten Roman "So habe ich es mir nicht vorgestellt"

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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