Gunnar Kunz - Inflation! Kriminalroman aus dem Berlin Weimarer Zeit

Originaltitel:
Krimi. Diverse 2011
214 Seiten, ISBN: 3866807473

Selten wurde so mit Millionen um sich geworfen wie im Jahr 1923 in Berlin, als die große Inflation herrschte. Hunger und Not brachten selbst Philosophieprofessoren dazu, heimlich aufs Land zu fahren und nach übersehenen Kartoffeln zu wühlen. Kein Wunder also, dass dabei auch der eine oder Mord geschah…

Auch Hendrik Lilienthal und seine Mitbewohnerin und gute Freundin Diane hatten mit Hunger und Geldentwertung zu kämpfen. Aber wichtiger noch als jede Kartoffel war dann doch die Leiche, die in der Nähe des Ackers gefunden wurde, den sie gerade mit bloßen Händen durchwühlten. Natürlich sollte Gregor, Hendriks Bruder, die Ermitlungen leiten. Und genauso natürlich war es für die Freunde, ihn zu so manchem Termin zu begleiten und mit ihren in zwei Krimis davor entwickelten kriminalistischen Fähigkeiten zu unterstützen.

Die Spurensuche führt sie ins Scheunenviertel, Berins berüchtigter Ansammlung lichtscheuer Gestalten. Aber sie finden auch viel alltägliche Not, ausgelöst durch die Inflation, und Menschen, denen es besser ging als je zuvor, weil ise es verstanden, die Zeit für sich arbeiten zu lassen.

Man merkt vielleicht schon: für mich ist der eigentliche Mordfall und dessen Aufklärung hier ziemlich nebensächlich, außerdem in so manchem Punkt auch arg konstruiert und von den handelnden Personen her gesehen nicht unbedingt logisch. Da das aber auf eine geraume Anzahl von Büchern dieses Genres zutrifft hier nun meine Argumente, die für das Buch sprechen:

Der Autor hat sich intensiv mit der Zeit, ihren politischen Strömungen und den Auswirkungen auf den Alltag kleiner Leute beschäftigt. Und für mich gewinnt das Buch, selbst stilistisch, immer dann an Fahrt, wenn es darum geht, Alltagsszenen zu zeigen, typische Witze aus der Zeit zum Besten zu geben oder überhaupt zu betrachten, was die Menschen denn damals eigentlich bewegte. Zeitgeschichte, Hitlers Putschversuch zum Beispiel, ist darin ausgesprochen geschickt eingebunden. Bei Romanen, die eine vergangene Epoche schildern, passiert es recht häufig, dass man die Jetztzeit durchschimmern sieht, dass man bei den Beschreibungen schon das heutige Wissen durchschimmern sieht. Das ist Gunnar Kunz in meinen Augen hervorragend gelungen, wirklich in dieser Zeit zu bleiben, die Überraschung über so manche Wendung nicht vorwegzunehmen oder gar zu erklären.

Als Krimi konnte mich das Buch nicht ganz überzeugen - als Ausflug in die Vergangenheit dagegen sehr. Für Berlin-Interessierte und Leser von Volker Kutschers "Nasser Fisch" auf jeden Fall eine Empfehlung!

Gunnar Kunz

Gunnar Kunz, geboren 1961, hat sich mit über dreißig Theaterstücken sowie mit preisgekrönten Hörspielen für Kinder einen Namen gemacht. Große Erfolge feierte der in Berlin lebende Autor mit seiner Serie von historischen Kriminalromanen aus der Weimarer Republik.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©02.09.2011 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing