Denis Guedj - Das Theorem des Papageis

Originaltitel: Le Thèoreme du Perroquet
Roman. Bastei Lübbe Taschenbücher 1999
741 Seiten, ISBN: 3404145968

Ein seltsamer Brief versetzt die ohnehin schon eigenartige Hausgemeinschaft in der Rue Ravignan in helle Aufregung: Pierre Ruche´s Freund und Kamerad aus Jugendtagen, von dem er seit über 50 Jahren kein Wort mehr gehört hatte, kündigt ihm ein unerhörtes Geschenk an: Seine mathematische Bibliothek sei auf dem Weg zu ihm. Keine Begründung, keine Möglichkeit, ihm zu antworten. Kurz darauf folgt der zweite Brief: noch einmal weist Grossrouvre auf die Bibliothek hin, und er erwähnt, dass er alles verbrennen würde, was er ansonsten über Mathematik zusammengetragen hatte, seine ganzen Forschungen, Notizen - und Beweise.

Denn das ist der eigentliche Schock: Grossrouvre behauptet, zwei der großen Mathematischen Rätsel gelöst zu haben, zu zwei bisher nur im Raum stehenden Vermutungen die endgültigen Beweise erbracht zu haben.

Ein Wissen, dass ihn auf einen Schlag berühmt machen könnte, ihm Reichtum und Ehre bescheren würde - und doch hatte er beschlossen, sein Wissen mit ins Grab zu nehmen, die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

Pierre Ruche ist ratlos; was soll er mit diesem Vermächtnis? Denn ein Vermächtnis ist es, nach dem Schreiben des zweiten Briefes hat Grossrouvre nur noch wenige Stunden gelebt, bevor er in seinem Haus ein Opfer der Flammen wurde.

Irgendwo, das ahnt Ruche, hat sein Freund versucht, ihm etwas mitzuteilen. Aber um die Andeutungen zu verstehen, muss er erst auf den Spuren der Mathematik wandeln. Gemeinsam mit dem zwölfjährigen Max und Nofutur, dem wunderschönen Papagei, den Max erst kürzlich heldenhaft aus den Fängen von Tierschmugglern befreit hatte, geht er den Weg in die Mathematik; schrittweise vertieft er sich in die großen Mathematiker, in ihr Leben - und auch darin, was sie für die Welt der Mathematik geleistet haben. Zu seinem Erstaunen stellt er eine enge Verknüpfung zur Philosophie, seinem eigenen Fachgebiet, fest - und jetzt hat es ihn richtig gepackt.

Voller Erstaunen liest er, wie all das, was ihm im Gymnasium als endgültige Wahrheit verkauft worden war, erst erarbeitet wurde, und dass durchaus nicht alles so felsenfest steht, wie er immer glaubte - eben weil e simmer noch Theoreme gibt, die noch nicht bewiesen sind. Langsam kommt er dem Geheimnis seines Freundes näher...

Eines gleich vorweg: So, wie die Geschichte der Mathematik hier erzählt wird, ist es einfach großartig zu lesen; auch einem Anti-Mathe-Fan wie ich es bin leuchten plötzlich Dinge ein, die ich bisher einfach als gegeben hingenommen hatte.

Zudem ist es wirklich außerordentlich spannend zu lesen, wie sich das alles entwickelt hat, welche Philosophie dahintersteckt, welche Strömungen es gab und woran die Mathematiker heute arbeiten. Auch das Leben dieser Menschen, ihr Umfeld, ihre persönlichen Dramen, kann man hier nachlesen.

Da ist man auch zu weiten Teilen geneigt, die dramaturgischen Schwächen des Plots zu verzeihen. Obwohl das oft wirklich schwerfällt, denn die Inszenierungen der Mathe-Sitzungen, die Ruche in der kleinen Wohnung abhält, erscheinen schon stark überdimensioniert, dazu bleibt auch so mancher Erzählstrang, der um des Fortgangs der Geschichte willen eingeführt wurde, dann im luftleeren Raum stehen.

Aber sei´s drum; es gibt Abstriche, aber die Idee trägt es trotzdem noch. Auch wenn wirklich zu wünschen gewesen wäre, dass die Rahmenhandlung griffiger und glaubwürdiger dargestellt wird. Ein wenig erinnert die Geschichte an "Sophies Welt" von Jostein Gaarder, allerdings ist der Tonfall zum Glück nicht so belehrend.

Was allerdings wirklich einen ganz deutlichen Kritikpunkt darstellt, ist die schlechte Lektoratsarbeit des Verlages.

Nicht nur, dass sich entsetzlich viele Tippfehler eingeschlichen haben, auch sonst wurde wenig Sorgfalt verwandt. Dass permanent Namen vertauscht werden ist nur ein Beispiel.

Die Sprache ist häufig ausgesprochen simpel, ein Umstand, den ich im Zweifelsfall aber auf die Übersetzung zurückführen würde. Außerdem bezieht sich dieses Manko ausschließlich auf die Passagen, in denen die "Rahmenhandlung" vorangetrieben wird.

Eine klare Empfehlung für Mathe-Fans und gleichzeitig der Hinweis, die Rahmenhandlung am besten sofort wieder zu vergessen.

Denis Guedj

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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