Jens Christian Grondahl - Schweigen im Oktober

Originaltitel: Tavshed I Oktober
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1999
328 Seiten, ISBN: 3423129980

Nach 18 gemeinsamen Jahren stand Astrid eines morgens im Badezimmer, um ihm mitzuteilen, sie wolle verreisen. Auf unbestimmte Zeit - und wohin, das wagte er gar nicht erst zu fragen.

Die Kinder sind mittlerweile groß genug, wohnen nicht mehr zu hause - es ist still geworden im Haus. Jetzt, wo auch Astrid weg ist, und er nicht weiß, warum, erinnert er sich zurück, versucht, die Stille mit seinen Erinnerungen auszufüllen.

Sie war ihm zum erstenmal an einem Winterabend begegnet. Er war Taxi gefahren, und hatte sie und ihren kleinen Sohn abgeholt, die gerade von ihrem Ehemann wegwollten. Sie wusste nicht, wohin - und er bot ihr Unterschlupf für eine Nacht an.

Aus der Notgemeinschaft entwickelt sich eine zarte, selbstverständliche Liebe - ein großer Unterschied zu dem Feuer, der verzehrenden Leidenschaft zu Inés, von der er sich gerade zu erholen anfängt.

Einmal, vor ein paar Jahren, hatte er einen Ausbruch versucht, hatte in den Monaten, die er in New York leben musste, ein Verhältnis mit einer anderen Frau. Als es vorbei war, war er mit seiner Frau zum erstenmal seit sie sich kannten für längere Zeit alleine, ohne Kinder, verreist.

Auf den Kreditkartenabrechnungen sieht er, dass sie nun auf den Spuren der damaligen Route reist - ob sie auch, so wie er selbst, versucht, sich wiederzufinden?

Ein wunderbarer Roman.

Eigentlich ist die Geschichte ja sehr einfach, ein altes, bekanntes Motiv:
Nach langen gemeinsamen Jahren, als die Kinder flügge werden, ist ein Pärchen nicht mehr sicher, ob es noch zueinandergehört. Ob das Zusammensein nur Gewohnheit ist, nur der Kinder wegen geschah. Und er fragt sich: war ich in diesen gemeinsamen Jahren eigentlich glücklich? War meine Frau glücklich?

Als die Kinder noch klein waren, hatten sie beide gar nicht die Zeit, sich diese Frage zu stellen. Sie ruhten beide in sich selbst, die Familie als Zentrum, das ständige Gefordertsein auch als Schutz vor den eigenen Gedanken.

Der Autor macht sich die Frage nach dem Glücklichsein nicht einfach; er beobachtet sehr genau, durchleuchtet die Gefühle seines Protagonisten gründlich und schmerzhaft.

Ein hochintelligentes, sensibles und traurig-schönes Buch!

S. 70:
Wir wechselten uns mit dem Kochen ab und arrangierten uns in der kleinen Wohnung, gewandt und höflich, und wenn sich unsere Blicke zufällig trafen, konnten wir nicht umhin, über unser unerwartetes, improvisiertes Zusammenleben zu lächeln. Ich wunderte mich, wie leicht es ging. Selbst das Schweigen war leicht, beinah schwerelos, wenn wir, die beiden Fremden, uns gegenübersaßen und nicht gleich wussten, worüber wir sprechen sollten. Sie war die erste in meinem Leben, mit der ich schweigen konnte, ohne mich unwohl zu fühlen. Ich war erstaunt, wie selbstverständlich sie in der Wohnung eines fremden Mannes in sich selbst ruhte, wie natürlich sie schwieg, wenn sie gesagt hatte, was sie sagen wollte, nicht der geringste Druck von Stille zwischen uns .Aber im Grunde hatten wir auch gar nichts zu reden, wir hatten nichts miteinander zu tun, sie war nur eine Fremde, die eine Weile auf meinem Terrain kampierte.


Jens Christian Grondahl

Jens Christian Grøndahl, geboren 1959, studierte Philosophie in Kopenhagen und absolvierte eine Ausbildung zum Filmregisseur. Er verfasste Hörspiele, Essays und zahlreiche Romane, für die er verschiedene Auszeichnungen erhielt. Auf deutsch erschien 1996 der Roman Indian Summer. Der große Durchbruch gelang ihm, auch international, mit "Schweigen im Oktober"

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©23.10.1999 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing