Günter Grass - Die Blechtrommel

Originaltitel: Die Blechtrommel
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1993
779 Seiten, ISBN: 3423118210

In einer Heil- und Pflegeanstalt erzählt (und ertrommelt) der 30jährige Oskar Mazerath seine Geschichte. Seine Blechtrommel ist dabei sein Medium, mit der er die alten Erinnerungsbilder aufstöbert. Sie führt ihn zurück in das Jahr 1899, nach Bissau in das Herz der Kaschubei, wo auf einem Kartoffelacker seine Großmutter Anna Bronsky in ihren vier weiten, kartoffelfarbenen Röcken sitzt, unter denen Oskars Großvater Josef Koljaiczek Zuflucht sucht vor den Feldgendarmen. So wurde vermutlich Oskars Mutter gezeugt, und so beginnt eine Familiensaga, die sich - voll prächtiger, lebendiger, bildstrotzender Haupt- und Nebenfiguren - durch zwei Weltkriege von Bissau über Danzig bis in den Westen der 50er Jahre zieht.

Die zentrale Figur Oskar, der hellhörig, geistig erwachsen als Dreijähriger beschließt sein körperliches Wachstum einzustellen, blieb der Dreijährige, aber auch der Dreimalkluge, den die Erwachsenen alle überragten, der den Erwachsenen so überlegen sein sollte, der innerlich und äußerlich vollkommen fertig war. [S 71].

Seine einzige Waffe in der Welt die Erwachsenen, die er kurz nach seinem 3. Geburtstag einsetzt, als ihm sein Vater die Trommel nehmen will, ist seine durchdringende Stimme, mit der er Glas zerbersten kann.

Mit dieser Waffe zerstört er die Gläser mit den in Alkohol eingelegten Embryos und Schlangen seines Hausarztes und wehrt er sich gegen die pädagogischen Eingriffe der Lehrerin beim ersten Schultag. Später versucht er sich auch an größeren Objekten und lässt gläserne Theaterfassaden in Brüche gehen. Oskar ist in erster Linie ein unabhängiger Geist. Stur wie ein dreijähriger, trägt er das Symbol seiner Unabhängigkeit - seine Blechtrommel vor sich her, sie ist ihm Kommunikationsmittel, Mittel der Erinnerung, und anarchistische Waffe (wenn er die Nazi-Marschmusik damit aus dem Takt bringt). Doch Oskar ist auch zu vielschichtig, als dass man sich restlos für ihn begeistern könnte. Das Klischee des listigen Aufrührers, in der Diktatur geht nicht nahtlos auf: Da ist seine zweifelhafte Rolle seinem Onkel Jan gegenüber, den er anklagt, um eigener Verfolgung zu entgehen, und seinen Vater liefert er auf ziemlich hinterlistige Weise den Gewehrsalven der Russen aus. Auch ist sein Engagement für Bebras Fronttheater nicht allzu rühmlich.

Durch sein ganzes Leben zieht sich auch sein problematisches Verhältnis zu Frauen, das ihm schlussendlich auch eine Mordanklage einbringt.
Immer wieder auch seine Sehnsucht, seine Existenz ungeschehen zu machen, zurückzukehren in den Mutterschoß, symbolisiert durch das Kriechen unter die vier Röcke seiner Großmutter.

Das Buch ist ein Ereignis! Günther Grass schreibt mit einer gewaltigen, mitreißenden Sprachkraft, man kommt kaum zum Atemholen. Er führt uns von einer Sensation in die nächste: Pointen, gewagte Vergleiche, verblüffendste Formulierungen, Pointen, Märchenfragmente, Minidramen, herrliche Dialoge - er beherrscht das ganze Spektrum, nichts kommt gequält daher.
Das Schöne ist auch: er fällt in kein Klischee, weder inhaltlich, noch sprachlich, manchmal gibt es so Stellen, da flammt ein Hauch von Klischee, von poetischer Idylle auf, in der man sich als Schriftsteller gut hätte suhlen können und kurz denkt man als Leser : wenn er jetzt nicht aufhört, wird's zuviel. Aber die Wende gelingt ihm immer - genau im richtigen Augenblick, genau an der Schmerzgrenze, dort wo Fiktion und Realität aufeinanderstoßen, wo der Autor kurz hinter dem Text hervorblinzelt, um dich gleich wieder am Arm zu packen und mitzureißen.

Mit dieser Sprache lässt er Bilder erstehen - eindrücklich, wie die Sprache selbst: die berstenden Schlangengläser beim Arzt, die zerspringenden Schulfassaden, dieser kleine Erwachsene Oskar mit seiner Trommel, seinem sturen Blick, die Röcke der Großmutter; das knisternde Brausepulver, Aale im Pferdekopf, das sind Bilder, die einfach nicht kalt lassen.

Es ist seine ungenierte, respektlose Art, mit der Grass an die Dinge herangeht, die neugierig macht, erschreckt, verstört, fasziniert. Mit diesem un-verschämten Blick nähert er sich allen Themen, bricht Tabus mit einer Leichtigkeit - man kann ihm nicht einmal Böswilligkeit vorwerfen: Die heile Familie, die heilige Kirche, den Krieg und die halbherzige Bewältigung desselben entzaubert, entmystifiziert er und entwickelt doch gleichzeitig wieder einen neuen Zauber, hinterlässt ein sehnsüchtiges Gefühl verlorener Heimat.

Auch die Figur den Oskar selbst bricht er immer wieder. Man könnte sich ja ganz gut mit ihm identifizieren: der unbekümmerte Held, der den geraden Weg geht, sich nicht einwickeln lässt von Parolen. Doch kaum hat man sich als Leser auf seine Seite geschlagen - entwickelt er plötzlich so unangenehme Seiten - verrät seine Mitmenschen und schafft im Fronttheater Durchhaltestimmung.

Ich habe ihn gemocht und nicht gemocht, diesen Oskar, er entwickelt ein eigenständiges Leben und rumort noch lange herum, er ist nicht wirklich greifbar und bohrt doch im eigenen Fleisch. So eine Figur zu schaffen - ein wahrer Schöpfungsakt, und ein großer Schriftsteller, wer so etwas vermag.

Günter Grass

wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, absolvierte nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaf eine Steinmetzlehre, studierte Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf und Berlin. 1956 erschien der erste Gedichtband mit Zeichungen, 1959 der erste Roman, "Die Blechtrommel". 1999 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Grass lebt in der Nähe von Lübeck.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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