Christine Grän - Villa Freud

Originaltitel: Villa Freud
Roman. C. Bertelsmann Verlag 2002
288 Seiten, ISBN: 3570006239

Vier Schwestern, ein schmales Beamtengehalt, von dem sie alle satt werden sollten, und, als würden sie in der Schule nicht schon genug gehänselt, auch noch die roten Haare - nein, als glücklich würde Margarete ihre Kindheit nicht bezeichnen. Und dann das schlimme Erlebnis, der rote Ball auf der Straße, der Aufprall - nun waren sie nur noch zu dritt.

Margarete ist die Jüngste. Und die mit den größten Ambitionen: sie will Opernsängerin werden. Die ganze Familie tritt kürzer, um ihre Gesangstunden finanzieren zu können. Bis es endlich zum großen Auftritt kommt: ein Vorsingen an der Oper in Frankfurt. Das Liebesduett der Isolde. Ein missglückter Versuch, das merkt sie rasch selbst - und als sie dann in der Toilette noch gehört, was über sie gesprochen wird, ist ihr klar, dass ihr Lebenstraum nie in Erfüllung gehen wird.

Wir begegnen ihr kurz darauf in Berlin wieder, wo sie in einem illegalen Nachtclub singt, abwechselnd mit Zoé, die die bessere Stimme hat, die Jazz im Blut hat - aber nicht besonders verantwortungsbewusst ist. Ein Leben in den Tag hinein, von einer Stunde zur nächsten, immer auf dem Sprung, immer am Rande der Legalität. Bis sie Oscar begegnet, dem wohlhabenden Argentinier, der sie nach Buenos Aires mitnimmt.

Nun ist sie also eine verheiratete Frau, auch wenn die Familie ihres Mannes sie nicht unbedingt wohlwollend aufnimmt. Sie hat nichts, was man sich erhoffen konnte, ist nicht hübsch, nicht reich, sie tut nichts. Sie ist nur da. Und auf ihre abwesende Weise nicht nur für Oscar anziehend, sondern auch für seinen besten Freund. Und seinen Bruder. Als sie das Kind verliert, auf das Oscar sich so gefreut hatte, ist auch dieser Lebensabschnitt zu Ende, und sie bricht wieder auf, sich neu zu erschaffen...

Nach den ersten beiden Abschnitten, ihrer Kindheit und der Zeit in Berlin, war ich nahe daran, das Buch wieder wegzulegen. Mit sehr sparsamer, unpoetischer Sprache wird eine langweilige Kindheit erzählt, werden zwar schon die Sprünge in der Biographie sichtbar, aber das Geschriebene entwickelt nicht genügend Kraft, um eine Sogwirkung zu haben, um das Interesse zu fesseln. Zu blass und unecht wirken die Protagonisten in diesem Teil, zu gewollt auf ein Klischee hin getrimmt.

Lebendiger wird es erst in Buenos Aires, als die Welt der wohlhabenden Schicht skizziert wird, als die Reaktionen der Familie auf diesen seltsamen, unberechenbaren Neuzugang geschildert werden. hier wird auch endlich die Faszination klar, die von dieser Frau ausgeht, die das Motto *Freedom is just another word for nothing left to loose* verinnerlicht hat, die keine Bindungen eingeht, unverletzlich erscheint.

Zuletzt zeigt sich auch wieder, dass die Autorin schreiben kann, dass sie Stimmungen festhalten kann - doch hat mir ihr letzter Roman, *Hurenkind*, bedeutend besser gefallen.

Christine Grän

Christine Grän wurde in Graz geboren, arbeitete als Journalistin und lebte fünf Jahre in Afrika. Als Autorin der Krimis um die Klatschreporterin Anna Marx, verfilmt für die ARD, wurde sie berühmt. Zuletzt erschien ihr Roman "Die Hochstaplerin", der von der Presse hymnisch gelobt wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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