Barbara Gowdy - Die Romantiker

Originaltitel: The Romantic
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2003
348 Seiten, ISBN: 3453350162

Als die Richters in das Louises Viertel zogen, war ihre Mutter bereits verschwunden. Eines Tages war sie einfach weg, ohne viel mitzunehmen, und unter Hinterlassung einer lakonischen Nachricht am Kühlschrank "Louise weiß, wie man die Waschmaschine bedient".

Es ist vor allem Mrs Richter, von der Louise zuerst fasziniert ist; von ihrer Stimme, ihrer Art, ununterbrochen möchte sie sie beobachten, möchte, dass sie von ihr als Tochter angenommen wird.

Abel Richter ist ein Jahr jünger als Louise, ein Sonderling, der in seiner Klasse nicht viele Freunde hat. Anfangs ist er für sie ein Mittel, an seine Mutter ranzukommen; doch bald schon schwenkt ihr Gefühl um, und es gibt nur noch ihn. Abel. Für immer.

Louise weiß: sie liebt ihn, bis an ihr Lebensende. Genauso sicher ist sie sich auch, dass er sie liebt - auch wenn er es nicht ausspricht. Dann ziehen Richters weg, ans andere Ende des Landes; Louise schreibt, immer wieder, ohne eine Antwort zu erhalten.

Aber dann, ganz unverhofft, trifft sie ihn auf einer Party wieder. Die Liebe ist immer noch da, auch seiner ist sie sich immer noch sicher, sie schläft mit ihm, ohne Schutz, mit blindem Vertrauen - und anfangs geht ihre Rechnung auch auf, er ruft an, wie versprochen, ist nett, freut sich - und vergisst dann ihren Geburtstag, meldet sich wieder nicht mehr. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als sie feststellt, das sie schwanger ist.

Louise belügt ihren Vater, fliegt zu ihm, will ihm alles erzählen; sie beobachtet ihn, will ihn nicht zu Hause überfallen, folgt ihm in den Jazzclub, sieht ihm zu, wie er trinkt, wie er spielt - und dann, wie er eine andere küsst. Eine Welt geht für sie in Bruch. Sie treibt ab, sucht sich einen Job, bei dem ihr nicht viel abverlangt wird, lernt auch einen netten jungen Mann kennen, mit dem sie mehrere Jahre zusammen bleibt - aber da ist immer noch Abel...

Die eigentliche Handlung des Buches zusammenzufassen ist schwer, weil dadurch alles so banal wirkt. Jugendliebe, ungewollte Schwangerschaft, Knutschereien mit ner anderen - ja und? Ist das so weltbewegend, dass es ein ganzes Buch füllt, das auch noch lesenswert ist? In diesem speziellen Fall lautet meine Antwort klar und deutlich: JA!

Barbara Gowdy hat ein ganz alltägliches Mädchen als Protagonistin gewählt, weder herausragend hübsch noch besonders hässlich, nicht unintelligent, aber auch nicht klug - ein Durchschnittstyp, ein wenig interessant vielleicht durch die abwesende Mutter. Gerade diese Alltäglichkeit macht es aber so leicht, sich mit Louise zu identifizieren, mit ihrer Suche nach Glück, mit ihrem festen Glauben, Liebe ließe sich alleine durch ihr intensives Wollen steuern.

Abel ist Alkoholiker und stirbt daran, das erfahren wir bereits ganz zu Beginn des Buches. Er wird nicht ausfällig, wenn er getrunken hat, nicht weniger liebenswürdig - im Gegenteil. Alle Welt ist sein Freund, allen gibt er von seiner unglaublichen Energie ab - und alles kann er genauso schnell wieder fallen lassen, wenn es darum geht, dass er etwas zu trinken braucht. Damit zeichnet die Autorin ein Bild vom Alkoholismus, das von den Klischees deutlich abweicht, ohne die Ausfälle und Probleme zu beschönigen. Alkoholiker sind nicht nur die Penner auf der Straße, scheint sie damit sagen zu wollen - guckt genauer hin, verurteilt nicht so schnell - und glaubt nicht, das ihr wirklich helfen könnt, es ist unmöglich.

Es ist ein Buch über verzweifelte Liebe, über Sucht und Freundschaft, Lebenslügen und Alltag - ein Buch, das ohne große Geschichte auskommt und dabei Größe zeigt.

Barbara Gowdy

Barbara Gowdy, geboren 1950, lebt in Toronto. Sie studierte Theaterwissenschaft und Musik, arbeitete erst als Lektorin in einem Literaturverlag, später frei für verschiedene Zeitungen und das Fernsehen. Mit dem Titel "Die Romantiker" stand sie auf der Longlist für den Booker Prize 2003.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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