Fritz Glunk - Meisterwerke kurz und bündig: Dostojewskijs Schuld und Sühne

Originaltitel: Meisterwerke kurz und bündig: Dostojewskijs Schuld und Sühne
Sachbuch. Piper Verlag 2000
126 Seiten, ISBN: 3492231357

Für alle Schüler, die sich vor dem Lesen dicker Wälzer klassischer Werke drücken wollten, und für Skeptiker, die sich auf raschem Weg einen Überblick verschaffen wollen, worum es in dem Klassiker geht, wurde diese wunderbare Reihe ins Leben gerufen: "Meisterwerke kurz und bündig".

Es gibt aber auch noch eine dritte Gruppe, die sich für diese schmalen Bändchen interessiert: Leser, die mehr über das Entstehen dieser Werke lesen wollen, die informiert werden wollen, wie die Lebensumstände des Autors ausgesehen hatte, welche Bedeutung das Werk erlangte, und auch ein paar Interpretationshilfen wünschen. Es kann nicht die Lektüre des Buches ersetzen, auch wenn man sogar über den Schreibstil des Autors ein wenig mehr erfährt, dank der sehr ausführlichen Zitate.

Für mich eine wunderbare Ergänzung - aber natürlich kein Ersatz!

Und hier noch ein mal kurz: worum geht es in Dostojewskijs "Schuld und Sühne"?

Rodion Raskolnikow ist ein verarmter Student; seit Tagen hat er nicht mehr ordentlich gegessen, wie im Fieberwahn läuft er durch die Stadt, und nutzt doch keine der Optionen, die ihm vielleicht helfen können. Dann kommt noch ein Brief von der Mutter - man hatte es ihm bislang verheimlicht, aber die Schwester hatte durch einen Skandal ihre Stellung verloren, an dem sie unschuldig war - und nun wollte sie einen jungen Mann, der sich bereits ein Vermögen erarbeitet hatte, heiraten - sich für ihn aufopfern, die Raskolnikow sogleich vermutet, ihm die Möglichkeit geben, sein Studium zu beenden. Ob es nun diese Nachricht war, oder das Gespräch, das er vor wenigen Wochen belauscht hatte, oder die Information, die er beim Vorübergehen an diesem Tag aufschnappte - immer mehr setzte sich in seinem Kopf die Idee fest, dass er es nun tun müsse, dass er ja fast die Pflicht dazu hätte - denn was war schon das Leben dieser Laus, dieser Pfandleiherin wert! Es gäbe zwei unterschiedliche Kategorien von Menschen, ist seine Überzeugung: das Material, und die Auserwählten. Diesen wenigen Auserwählten bräuchten sich nicht an Gesetze zu halten; nur so wäre es möglich, dass sie den Lauf der Welt veränderten.

Alles passt. Keiner sieht ihn, als er das Beil schnappt, keiner beobachtet ihn, als er das Haus der Wucherin betritt. Und sie erschlägt. Ihre Barschaften an sich zu nehmen, daran denkt er gar nicht wirklich; wahllos greift er zu - und hört dann die Schwester kommen, weil er vergessen hatte, die Tür hinter sich zu schließen. Wieder schlägt er zu; und wieder vergisst er, die Tür abzusperren. Nur ein Zufall rettet ihn und verschafft ihm die Möglichkeit zum unerkannten Rückzug.

Aber nicht kühl und überlegt geht er nun vor, wie er es selbst von einem Auserwählten erwartet; nichts hatte er so rational gedacht, wie er es geplant hatte. Was er denn nun geraubt hatte - er hatte es noch nicht einmal betrachtet, suchte nur nach einem Ort, es zu verstecken, verbergen. Ständig schreckt er aus Phantasien hervor, fühlt sich verfolgt; und in dieser Situation kommen seine Mutter und Schwester in Petersburg an. Entsetzt sind sie über den Zustand ihres Rodion; keine Freude ist an ihm zu erkennen, ja, er zieht sich auf seltsamste Weise vor Mutter und Schwester zurück. Ein Freund von ihm, Rasumichin, ist es, der ihnen in diesen ersten Tagen beisteht; der ihnen immer wieder versichert, Raskolnikow sei nur krank, sei aber in besten Händen. Und ihnen auch den Verdacht verschweigt, unter dem Raskolnikow irgendwie zu stehen scheint: diese beiden Frauen ermordet zu haben.

Beweise gibt es nicht; aber Raskolnikow, erfüllt von Unrast, muss sein Herz erleichtern. Und sucht sich dafür ausgerechnet Sonja aus; die Tochter eines verarmten Trinkers, der in seinen Händen stirbt; sie, die erst 18jährige, hat nun ganz alleine für die Schwiegermutter und die kleinen Kinder zu sorgen; aber sie hatte schon zuvor begonnen, sich zu prostituieren. Ausgerechnet bei ihr lädt er nun seine Geschichte ab; ihr stellt er die schwierige Frage, wessen Leben denn nun mehr wert sei?

Er solle sich stellen, drängt sie. Das rät ihm auch der Polizeiinspektor Porfiri, der mit ihm in dieser Zeit sehr viele Gespräche führt; er solle sich stellen, denn er hätte zwar einen Beweis, könne ihn auch nutzen; aber er sei überzeugt davon, dass es für Raskolnikow besser wäre, diesen Schritt selbst zu gehen. Zu gut kennt auch er dessen Schriften, weiß von seiner Idee des außergewöhnlichen Menschen, dem alles erlaubt sei.

Und es geschieht. Nach langen Tagen, die Raskolnikow wie im Taumel durchlebt, stellt er sich, wird verurteilt - und Sonja folgt ihm nach Sibirien. Aber Reue für seine Tat - die kann er immer noch nicht empfinden…

Fritz Glunk

Fritz R. Glunk, geboren 1939, studierte Liteartur- und Sprachwissenschaften und war als Dozent des Goethe-Instituts und als Verlagslektor tätig. Seit 1986 arbeitet er als freier Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Seit 1998 außerdem Herausgeber der literarichen Online-Zeitschrift "Die Gazette" (www.die-gazette.de) Er lebt heute in München.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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