Natalia Ginzburg - So ist es gewesen

Originaltitel: El Stato cosi
Roman. Wagenbach Verlag 2003
93 Seiten, ISBN: 3803124700

Gleich zu Beginn erfahren wir, dass die Erzählerin ihren Mann erschossen hat. Direkt zwischen die Augen, und danach hat sie sich angezogen, einen Kaffee getrunken, ist durch die Stadt gelaufen und hat sich dann auf eine Bank gesetzt und darüber nachgedacht, wie es soweit kam.

Als sie ihn damals kennen lernte, war sie nicht besonders beeindruckt von ihm. Er war alt, sah nicht besonders gut aus - aber er bemühte sich um sie. Er ging mit ihr spazieren, in die Oper, ins Cafe, er redete mit ihr und gab ihr das Gefühl, witzig und interessant zu sein. Selbst erzählte er kaum etwas. Er ist bestimmt in mich verliebt, dachte sie. Aber als sie über die Ferien zu ihren Eltern nach Hause fuhr, hatte er nur ein einziges Mal geschrieben. Und sich danach nicht mehr bei ihr gemeldet, war nicht mehr in ihre Pension gekommen, um sie zu den üblichen Spaziergängen und Theaterbesuchen abzuholen.

Dann begegnete sie ihm zufällig wieder. Und alles war wie vorher. Nur mit dem Unterschied, dass sie ihn während der langen Wartezeit vermisst hatte. Ich bin in ihn verliebt, dachte sie - und sagte es ihm auch, nachdem er wieder zu den alten Gewohnheiten zurückgekehrt war.

Doch seine Reaktion war nicht so, wie sie es erwartet hatte - glücklich und begeistert. Nein, er war verlegen und unangenehm berührt, denn er... liebte eine andere. Eine verheiratete Frau, mit der er seit langen Jahren ein Verhältnis hatte, und von der er einfach nicht loskam.

Doch dann starb seine Mutter, und in der Einsamkeit, die darauf folgte, wollte er sie plötzlich doch heiraten. Keine Spaziergänge mehr, keine Gespräche, er hörte ihr nicht mehr zu - und irgendwann fing er an, zu verreisen. Mit seinem Freund, behauptete er - eine Lüge, denn diesen Freund traf sie in der Stadt. Nun war ihr klar: das Verhältnis zur verheirateten Frau war durch die Ehe nicht beendet, er traf sie weiterhin.

Auch noch, nachdem sie ein Kind bekommen hatte - bis sie die Kraft hatte, ihn nicht mehr sehen zu wollen. Mit der Kleinen und ihrer Cousine brach sie auf ans Meer, doch da wurde die Kleine krank und starb und dann blieb er doch bei ihr...

In ganz lakonischem Ton erzählt die Autorin hier eine Geschichte, die tief unter die Haut geht. So kurz dieser Text auch ist, die Gefühlskälte, die sich die Protagonisten darin entgegenbringen erschreckt zutiefst.

Besonders gut hat mir gefallen, dass ganz nebenbei deutlich wurde, wie wir oft versuchen, die Lösung für unsere Probleme in einem anderen Menschen zu suchen. Der Mangel an einem Ziel, mit dem wir sich die Protagonistin hier identifizieren könnte, führt dazu, dass sie sich auf die erst so einfach erscheinende Lösung stürzt, die in der Heirat mit dem alten Mann geboten wird. Schließlich kennt sie sonst niemanden, der sie heiraten würde - und immerhin hat er ja mal Interesse an ihr gezeigt.

Sich mit dem Erstbesten zu bescheiden, obwohl man spürt, dass es eigentlich nicht wirklich passt - und dann aus Bequemlichkeit und Angst den Absprung nicht mehr rechtzeitig zu schaffen, das wird hier im Buch durch den finalen Mord zwar vielleicht etwas überzeichnet, doch wirkt es gerade deshalb so eindrucksvoll, weil es ein sehr weit verbreitetes Verhalten widerspiegelt.

Ich war wirklich hingerissen von diesem schmalen Büchlein. Ganz nüchtern, ohne Effekthascherei wird eine gleichzeitig hochdramatische wie auch banal-alltägliche Geschichte erzählt. Klare, knappe Sätze, dramaturgisch perfekter Aufbau, klarer Spannungsbogen - wie konnte ich bislang an dieser Autorin vorbeigehen! Eine unbedingte Empfehlung.

Natalia Ginzburg

Natalia Ginzburg, 1916 in Palermo geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Turin. 1938 heiratete sie den Slawisten Leone Ginzburg, der 1944 in einem römischen Gefängnis ermordet wurde. Nach dem Krieg lebte sie als Lektorin des Einaudi-Verlags in Mailand und ab 1950 in Rom, wo sie 1991 starb.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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