Elizabeth George - Nie sollst du vergessen

Originaltitel: A Traitor to Memory
Krimi. Blanvalet 2001
901 Seiten, ISBN: 3764500980

Weg, einfach weg. Gideon stand auf der Bühne und hätte eigentlich Geige spielen sollen; aber da war nichts mehr, keine Musik mehr, keine Erinnerung daran, wie er den Bogen führen sollte.

Mit Überanstrengung wird er vor seinem Publikum fürs Erste entschuldigt; aber das löst sein Problem noch nicht. Dr. Rose soll ihm helfen; und sie rät ihm, alle Erinnerungen niederzuschreiben, alles, was ihm in den Sinn kommt. Eine unsinnige Methode, findet Gideons Vater. Üben solle er lieber, sich mit seinem musikalischen Problem auseinandersetzen, und nicht plötzlich anfangen, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigten.

Gideons Vater hatte sein ganzes Leben der musikalischen Karriere seines Sohnes gewidmet. Nachdem schon in früher Kindheit klargeworden war, dass hier ein musikalisches Wunderkind heranwuchs, wurden keine Kosten und Mühen gescheut; ein eigener Geigelehrer, eine Hauslehrerin, um ihm den normalen Schulunterricht zu ersparen - das alles zu den Kosten, die der Unterhalt eines Hauses in bester Lage in London und der Lebensunterhalt der Familie samt Großeltern verschlang. Eine Herausforderung; Doppelschichten für den Vater, und auch Arbeit für die Mutter.

Aber eines Tages war die Mutter einfach weggewesen. Gideon und sein Vater kamen von einer Tournee zurück und fanden das Haus leer - keine Erklärungen, kein Abschiedsbrief, nichts. Es wird nicht darüber gesprochen. Nun, da Gideon in seiner Vergangenheit wühlt, stellt er sich jedoch immer mehr Fragen dieser Art. Und stellt mit Entsetzen fest, dass er in all diesen Jahren völlig vergessen hatte, dass er einst eine Schwester hatte. Ein kleines Mädchen, das am Down Syndrom litt - und als zweijährige ermordet wurde....

Bei Scotland Yard hat man diesen Mord, der bereits 20 Jahre zurückliegt, allerdings nicht vergessen - vor allem nicht, als jetzt Gideons Mutter ermordet wird. Und Katja, das deutsche Kindermädchen, das damals des Mordes beschuldigt wurde, wieder auf freiem Fuß ist....

Neunhundert Seiten stark ist dieser elfte Fall des Ermittlerduos Barbara Havers und Thomas Lynley. Aber weniger denn je erfährt man, wie es im Leben dieser beiden weitergeht; hin und wieder wird auf Lady Helens Schwangerschaft eingegangen und die Schwierigkeiten, die Lynley damit hat (persönliche Anmerkung: sein Verhalten macht ihn diesmal erstaunlich unsympathisch) - und es gibt eine kleine persönliche Verquickung zu diesem Fall; vor zwanzig Jahren untersuchte Superintendent Webberly den Tod der kleinen Sophie. Und war auf seltsame Weise fasziniert von Gideons Mutter.

Für Fans des Ermittlerpaares also nur kleine Häppchen, um bei Laune gehalten zu werden; den Großteil der vielen Seiten nehmen die ausführlichen Tagebucheintragungen Gideons ein. Zu viel, meiner Meinung nach - hier hätte man durchaus kürzen können, vor allem die enervierenden Ausführungen darüber, was eigentlich in seiner Psychoanalyse vorgeht, empfand ich als störend.

Auch das Ende war mir persönlich zu konstruiert; nicht die Lösung an sich, nicht, wer als Täter in Frage kommt, sondern wie es mir als Leser präsentiert wird, wirkt nicht mehr stimmig, auch wenn es vielleicht im Detail stimmen mag; im Lesefluss empfindet man die Zeitebenen als falsch.

Aber insgesamt war es dennoch ein gewohnt spannender, gut geschriebener Plot; nicht ihr bester Fall, aber auf jeden Fall lesenswert.

Elizabeth George

Elizabeth George wurde am 26. 02.1949 in Warren, Ohio geboren. 1971 heiratete sie Ira Toibin. Sie war früher Highschool-Lehrerin für Englisch und Literatur mit Abschluss in Psychologie. Ihre Krimis zeichnen sich durch akribische Recherche und präzisen Spannungsaufbau aus. Die Autorin lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Zur Zeit werden ihre Romane von der BBC London verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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