Wilhelm Genazino - Ein Regenschirm für diesen Tag

Originaltitel: Ein Regenschirm für diesen Tag
Roman. Hanser Literatur Verlag 2001
174 Seiten, ISBN: 3446200495

Die vierzig schon überschritten, von der Frau verlassen, die er liebte - und die auch weitgehend seine Lebenshaltungskosten bestritten hatte; ohne "seriösen" Beruf, aber dafür ein Lebenskünstler: Das ist der Protagonist dieser Geschichte, "Ein Regenschirm für diesen Tag".

Die innere Berechtigung zum Leben, die fehlt ihm. Und danach ist er auf der Suche bei seinen stundenlangen Streifzügen durch die Stadt. Was er dabei sieht, weicht ab von den Beobachtungen der anderen Passanten; er hat, nein, er nimmt sich die Zeit, Kleinigkeiten zu beobachten, das wiederholte Wäscheaufhängen der Arbeiterfrau ist ihm ebenso vertraut wie der Schulweg der Kinder. Vor seinen Bekannten, vor Freunden aus Kindertagen kann er sich nicht immer retten; zu häufig begegnet er ihnen auf seinen Streifzügen. Und immer wollen sie ihn an die alten Zeiten erinnern, an seine Kindheit, nehmen ihn abwechseln nicht ernst und verstehen so die Bosheiten nicht, oder hängen begeistert an seinen Lippen.

Doch auch in seinem auf stoische Erhaltung bedachten Leben geht es nicht ohne Umbrüche. Erst wird sein Honorar für das Probetragen edler Luxusschuhe drastisch gekürzt, und dann tritt Sabine verstärkt in sein Leben. Und mit ihr der Weg in die Berufstätigkeit, weg aus der Abhängigkeit von Lisa...

Durchwachsen, das ist das beste Wort, wenn es darum geht, meine Gefühle für dieses Buch zu schildern. Während man bei der Betrachtung eines impressionistischen Bildes Abstand wahren muss, um aus den einzelnen Bildpunkten ein Ganzes zu betrachten, sind es hier die kleinen Beobachtungen, die anrühren, begeistern, aufmerken lassen - und doch einzeln und für sich bleiben, sich nicht zu einem Bogen, einem Bild zusammenfügen lassen.

Einzelne Ideen oder Bilder, die Genazino in seiner wunderbaren Sprache schafft, werden mir mit Sicherheit im Gedächtnis bleiben. Das Abendessen bei Sabine, wo er mit ein paar Sätzen, die eigentlich nur ironisch überspitztes Partygeplauder darstellen sollten, die von den anderen Gästen aber mit Begeisterung aufgenommen werden, ist nur ein Beispiel dafür. Aber insgesamt wurde mir ein wenig zu viel geschwafelt. Und auch wenn ich es mag, in einer melancholisch-getragenen Stimmung dahinzuplätschern; obwohl das Büchlein ja sehr dünn ist, mir wurde es etwas zu viel.

Auf den Autor bin ich aber dennoch neugierig geworden. Dass ich ihn für mich als Entdeckung betrachten würde, dafür langt es jedoch nicht.

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt heute als freier Schriftsteller in Heidelberg. 1998 erhielt er den großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 2004 wurde er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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