Anna Gavalda - Ich habe sie geliebt

Originaltitel: Je l´amais
Roman. Hanser Literatur Verlag 2003
165 Seiten, ISBN: 3446202684

Chloés Mann hat sie und die beiden Kinder verlassen. Er liebe eine andere, hat er ihr erklärt - und sie damit in tiefe Verzweiflung gestürzt. Jetzt, nachdem sie ihr Studium ihm zuliebe aufgegeben hatte, nachdem sie ihm geholfen hatte, seine unterwürfige Abhängigkeit von seinem Vater weitgehend zu überwinden - jetzt also, wo sie endlich richtig unbeschwert hätten glücklich sein können, jetzt ist er weg.

Und ausgerechnet Chloés Schwiegervater nimmt es auf sich, die Verlassene zu trösten. Er bringt sie weg von zu Hause, in das Landhaus der Familie. Und dort erzählt er ihr bei mehreren Flaschen Wein, warum er seinem Sohn nicht böse sein kann, weil er diesen Entschluss gefasst hat, ja, warum er der Meinung ist, dass auch Chloé mit dieser Entscheidung das bessere Los getroffen hat: Er selbst, ihr Schwiegervater, hatte sich vor etlichen Jahren unsterblich in eine junge Frau verliebt.

Wunderbarerweise hatte sich diese Frau auch in ihn verliebt, hatte wider besseres Wissen jahrelang gehofft, er würde sich tatsächlich eines Tages aufraffen und seine Familie verlassen, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Doch dazu war er immer zu feige, fühlte sich zu sehr in seinen früher eingegangenen Verpflichtungen gefangen - und machte letztendlich nicht nur sie, sondern auch seine Ehefrau, sich selbst und die beiden Kinder unglücklich...

Anna Gavalda hatte sich mit ihrem Erzählband "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" ein großes Publikum erschrieben. Leider habe ich diese Erzählungen nicht gelesen, die begeisterten Kritiken haben mich aber auf die Autorin aufmerksam gemacht.

Nun ja - meine Erwartungen wurden bei diesem kurzen Roman leider nicht erfüllt.

Schon alleine die Rahmenkonstruktion krankt in meinen Augen gewaltig - ein gefühlskalter Mann, der normalerweise im Familienkreis den Mund nicht aufbekommt, wird zum Ritter auf dem weißen Pferd, der die arme Schwiegertochter in einen sicheren Hort bringt - und ihr dort leidenschaftlich versichert, dass sie alleine von all seinen Familienmitgliedern ihm so wichtig wäre, dass er für sie seine Maske fallen lassen würde.

Dass entsprechend auch die Dialoge in meinen Ohren falsch, unaufrichtig und sehr bemüht klangen, rundete das Bild noch ab.

Nur wenn die Autorin über einen längeren Zeitraum hinweg richtig erzählt entwickelt sich etwas wie Authentizität, ein leiser Sog. Das tröstet und gibt eine Ahnung davon, wozu die Autorin fähig wäre - vielleicht beim nächsten Buch?

Anna Gavalda

Anna Gavalda, 1970 geboren, ist auf dem Land aufgewachsen, hat in Paris Literatur studiert und wurde mit ihrem ersten Erzählband auf einen Schlag berühmt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern bei Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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