Romain Gary - Du hast das Leben noch vor dir

Originaltitel: La vie devant soi
Roman. Diana Verlag 2003
223 Seiten, ISBN: 3453881567

An seine Mutter kann Momo sich nicht erinnern. Schon als Kleinkind war er zu Madame Rosa ins Heimel gegeben worden, war bei ihr aufgewachsen – mehr wusste er nicht von seiner Herkunft. Nicht einmal ein Geburtsdatum hatte er; und dass er Mohammed hieß und Araber war, ja, das musste er Madame Rosa einfach glauben.

Er war nicht das einzige Kind, das von Madame Rosa aufgezogen wurde; in ihrer Wohnung wimmelte es von Hurenkindern, die vor der Fürsorge versteckt wurden, ungeachtet ihrer Nationalität oder Religion. Madame Rosa, die selbst Jüdin war, achtete aber darauf, dass jedes Kind in seiner eigenen Religion erzogen wurde. Nicht, dass Madame Rosa selbst besonders gläubig gewesen wäre. Aber trotzdem wurde Momo vom alten Teppichhändler Hamil in den Koran eingeführt.

In der letzten Zeit hatte Madame Rosa aber begonnen, stark nachzulassen. Die sechs Stockwerke hinauf in die Wohnung wurden ihr mit ihren fünfundneunzig Kilo mehr und mehr zu mühsam, dazu kam das Asthma, das sie quälte, und die eine oder andere Krankheit außerdem. Am schlimmsten war aber, dass sie jetzt häufiger in den Zustand, den sie als „Gemüse“ bezeichneten, verfiel.

Dass sie sterben würde war ihnen allen klar, Madame Rosa, Momo, dem Arzt, den Nachbarn und Freunden. Aber während der Arzt sie ins Krankenhaus einliefern wollte, wünschte Madame Rosa nicht mehr als das Recht, nicht mehr künstlich am Leben gehalten zu werden, nicht einfach dahinvegetieren zu müssen, sondern endlich auch sterben zu müssen. Schließlich hatte sie schon genug mitgemacht; war in Paris von den Nazis nach Auschwitz gebracht worden. Seit dieser Zeit hatte sie panische Angst vor der Türklingel, lebte nur noch mit falschen Papieren.

Und während Momo auf der einen Seite versucht, Madame Rosa eine Stütze zu sein und für sie zu sorgen, beginnt er trotzdem schon sich auf der Straße nach einem neuen Zuhause umzusehen...

Ein rotzfrecher, ungebildeter Lümmel erzählt diese Geschichte; seine Sprache ist nicht gerade fein, und schon gar nicht grammatikalisch korrekt. Und aus dieser naiv-altklugen Kindersicht erfährt man vom Leben im Pariser Belleville, einem Viertel, das von Schwarzen, Arabern, Prostituierten und Transvestiten bewohnt wird.

In den Rezensionen wird vor allem immer das harmonische Verhältnis der Religionen so stark hervorgehoben; das war für mich an diesem Buch aber gar nicht so besonders wichtig. Was wirklich großartig gelungen ist, wie ein Miteinander, eine Nachbarschaft funktionieren kann – indem Rücksicht aufeinander genommen wird, indem die Generationen aufeinander aufpassen und sich gegenseitig unterstützen. Eine der in ihrer Schlichtheit anrührendsten Szenen war für mich, als Monsieur Hamil, schon alt und etwas senil, im Lokal sitzt und vom Besitzer zur Toilette gebracht wird.

Für mich hat dieser Roman erst ab etwa der Hälfte wirklich Klasse bewiesen; dieser Abschied von Madame Rosa, die Frage der Euthanasie, ihre Vergangenheit – das rührt nicht nur an, das beschäftigt zumindest mich nachhaltig.

Kurzum: ein Buch, das ich gerne weiterempfehle.

Romain Gary

Romain Gary wurde 1914 in Moskau geboren. Er war in vielen Ländern Europas zu Hause, war UNO-Sprecher, Diplomat und Weltreisender. 1980 schied er freiwillig aus dem Leben. Für „La vie devant soi“ erhielt er 1975 (unter dem Pseudonym Emil Ajar ) den renommierten Prix Goncourt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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