William Gaddis - Das mechanische Klavier

Originaltitel: Agape, Agape
Roman. Manhattan 2003
124 Seiten, ISBN: 344254551X

Er liegt alleine im Krankenhaus, weiß, dass sein Tod in greifbare Nähe gerückt ist - und weiß doch nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt. So viel hat er noch, das er unbedingt noch zu Ende bringen möchte, was noch geordnet gehört, sein Besitz soll unter den drei Töchtern aufgeteilt, Rechtsansprüche geklärt werden - aber vor allem will er noch sein Lebenswerk vervollständigen, sein Buch über das mechanische Klavier.

Jahrelang hatte er die Unterlagen gesammelt, die jetzt in seinem Krankenzimmer herumliegen über diesen Apparat, der mittels Lochstreifen auch dem Unmusikalischstem ermöglichen sollten, "sein verborgenes Talent" zu entdecken und einen Klavierabend geben zu können. Diese mechanische Reproduzierbarkeit von Kunst ist für ihn der Anfang vom Niedergang wahrer Kunst; massentauglich gemacht, wird sie immer stärker kommerzialisiert.

Zudem war ebendieses mechanische Klavier mit dem Lochstreifenmechanismus der Ausgangspunkt für unsere heutige Computerindustrie; nicht Arbeitserleichterung war der Antrieb, dem die Entwicklung zu Grunde lag, sondern die Sucht des Volkes, unterhalten zu werden.

Er hat zu lange gebraucht, um mit seinem Buch anzufangen, er spürt es; zudem gibt es einen Autor, der seine Gedanken denkt, der sein Buch eigentlich schon geschrieben hat, der sich wie er mit Glenn Gould beschäftigt hat, wie er als Kind zu viel krank war, an Atemnot litt - Thomas Bernhard.

In einem über hundert Seiten langen Monolog lamentiert der Kranke über Kunst, die immer stärker dem Kommerz untergeordnet wird, spart nicht mit Seitenhieben auf Kollegen, zitiert die Autoren des vorangegangenen Jahrhunderts, und unterbricht sich nur, um wieder und wieder auf seinen fortschreitenden körperlichen Verfall hinzuweisen.

Gaddis zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, gilt aber auch als schwierig zu lesen, da er einen sehr eigenwilligen Stil pflegt und seine Bücher zudem auch recht umfangreich sind. Mich hatte diese Kombination bislang davon abgehalten, mich an diesem Autor zu versuchen - sein letztes Buch nun mit knapp hundert Seiten war für mich ein Anreiz, den Autor kennen zu lernen.

Ich habe es nicht bereut. Zwar hatte ich im Vorfeld gelesen, man würde "Das mechanische Klavier" ohne Vorkenntnis seiner anderen Romane kaum wirklich würdigen können - aber für mich bot es einen guten Einstieg, es hat mir die Scheu genommen, mich jetzt auch an seine umfangreicheren Werke zu machen..

Die Ausführungen, die Gaddis hier zu Kunst & Kultur bietet, fand ich über weite Strecken sehr interessant, teilweise auch informativ; die Anspielungen auf andere Autoren und Werke hat mich auch deshalb gereizt, weil mir vieles davon bekannt war. Sicher gab es darüber hinaus noch weitere Hinweise und versteckte Zitate, die mir nicht aufgefallen sind; insgesamt kann ich sagen: ich bin positiv überrascht von der Lesbarkeit. Die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard in diesem Buch, den er als seine Plagiator bezeichnet, ist für mich auch ein Maßstab, was das Lesevergnügen betrifft; hier hatte mich nämlich gerade "Der Untergeher", wovon hier so oft die Rede ist, davon überzeugt, dass mir der Autor doch mehr liegt, als ich dachte. Beide Autoren setzen sich sehr kritisch mit dem Land auseinander, in dem sie leben, und finden nicht immer gnädige Worte für die Auswüchse, denen sie sich ausgesetzt sehen.

Nur das Chaos im Krankenzimmer wurde mir dann zwischenzeitlich zu viel; so viel, wie hier verschüttet und geblutet und umgeworfen wird, wäre für mich etwas weniger mehr gewesen.

William Gaddis

William Gaddis (1922-1998) zählt mit Don DeLillo, John Updike und Thomas Pynchon zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern unserer Tage. Nach dem Studium in Harvard reiste er mehrere Jahre durch Europa, Zentralamerika und Nordafrika und arbeitete an seinem ersten Roman, »Die Fälschung der Welt«, der 1955 in Amerika erschien. Als der erhoffte finanzielle Erfolg ausblieb, arbeitete Gaddis u.a. als Produzent von Lehrfilmen in der Industrie und für das Militär. Erst zwanzig Jahre später, 1975, erschien sein zweiter Roman, »J R«, der mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Es folgten »Die Erlöser« (1985) und »Letzte Instanz« (1993), letzteres erhielt ebenfalls den National Book Award. Kurz vor seinem Tod vollendete Gaddis das Hörspiel »Torschlußpanik« sowie seinen letzten Roman, »Das mechanische Klavier«.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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