Carlos Fuentes - Das gläserne Siegel

Originaltitel: Instinto de Inez
Roman. DVA 2002
207 Seiten, ISBN: 3421055971

Er war der jüngste Dirigent, der ein so renommiertes Orchester wie die Londoner Symphoniker leiten durfte - und er war es nicht ohne Grund. Gabriel Atlan-Ferrara hatte durch seinen machtvollen, intensiven Zugang zur Musik schon früh für Furore gesorgt. Und das konnte er auch heute noch; ihm zu Ehren sollte in Salzburg, seinem Alterswohnsitz, wieder Berlioz´ Faust aufgeführt werden.

Damals, 1940, hatte er diese Oper in London dirigiert. Und dabei Inez kennen gelernt; ein Chormädchen, das der Dominanz des Dirigenten einen unbeugsamen Willen entgegensetzt. Auf der Bühne setzt er seinen Willen durch - doch als er ihr auch privat begegnet, beginnt eine Leidenschaft, die er nicht beherrschen kann.

Er nimmt sie mit ans Meer, kurz nach ihrer ersten Begegnung; ungewiss, was er von ihr will, was aus ihrer Konfrontation erwachsen kann, nur eines gewiss: das Begehren. Doch sie sieht Bilder von ihm und einem Freund; es ist der Abwesende, der sie fasziniert, sie völlig in Bann zieht. Und Gabriel? Er lässt sie dort zurück.

Jahre später kreuzen sich ihre Wege erneut. Aus ihr ist eine gefragte Operndiva geworden, auch sein Ruhm ist noch gewachsen; und wieder soll Berlioz´ Faust aufgeführt werden. Reifer geworden, spornen sie sich in perfekter Zusammenarbeit künstlerisch zu Höchstleistungen an - und tauschen die Rollen, wenn es um ihr Privatleben geht. Von vornherein hatten sie ihre Affäre auf die Dauer der Zusammenarbeit festgelegt.

Und noch einmal sollten sie zusammen arbeiten; ein letztes Mal, bis er sie endgültig an den Schatten verlieren würde...

Es gibt Stellen in diesem Buch, die sind wirklich von unglaublicher Wucht; wenn Fuentes durch seinen Dirigenten und die Sopranistin Berlioz´ Faust vor dem Auge des Lesers entstehen lässt, dann spürt man nicht nur, was Musik sein kann, man vergisst auch, dass man nicht wirklich hört und sieht, sondern liest.

Auf eine ganz spezielle Weise angesprochen hatte mich auch das Kapitel in Mexiko, als Gabriel plant, die erst kurz vergangenen Gräuel in den deutschen KZ´s in der Oper zu thematisieren - und erfahren muss, dass hier das Leid auf ganz andere und doch so ähnliche Weise allgegenwärtig ist.

Soviel zu den guten Seiten - aber leider hat das für mich nicht ausgereicht, dem Buch wirklich etwas abgewinnen zu können. Zu sehr haben mich die Zwischenkapitel befremdet und gelangweilt, die auf einer urzeitlichen Ebene zeigen, dass auch das schmerzlichste individuelle Schicksal im großen Zusammenhang nur eine Wiederholung des Immergleichen ist. Ein wahrer Wortschwall, zäh und klebrig, erstickt den Leser.

Und auch Gabriels Gedankenstrom, den der Leser mitverfolgen muss, erscheint oft wie die hastige Ansammlung von Worten; ein Romankonstrukt muss mit Gewalt gefüllt werden, und das hat mir persönlich die Freude am Lesen zu großen Teilen verdorben.

Ein Roman, auf den ich mich sehr gefreut hatte, zu dem ich aber in weiten Teilen keinen Zugang erhalten habe - und das ich nicht wirklich weiterempfehle.

Carlos Fuentes

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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