Stephen Fry - Der Sterne Tennis Bälle

Originaltitel: The Star´s Tennis Balls
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2001
391 Seiten, ISBN: 3351029292

Wer erinnert sich nicht an die Geschichte des Grafen von Monte Christo? An diesem Klassiker kommt an kaum vorbei, wenn man das Buch nicht gelesen hat, dann bestimmt irgendwann eine der Verfilmungen gesehen. Stephen Fry hat die Handlung nach Großbritannien, 20. Jahrhundert verlegt - und einen höchst unterhaltsamen Roman geschrieben.

Ned Maddstone ist vom Glück begünstigt: gutaussehend, clever, beliebt, ein guter Sportler, aus einflussreicher (wenn auch nicht gerade wohlhabender) Familie - und jetzt auch noch glücklich verliebt in Portia. Das junge Mädchen hatte er im Hardrock-Cafe kennengelernt, wo sie gearbeitet hatte; und unterschiedlicher hätte ihrer beider Herkunft nicht sein können. Während Ned´s Vater die Verkörperung von Tradition und Klassenbewusstsein war, zählten Portias Eltern zu den linken Intellektuellen. Der innigen Teenagerliebe tut das jedoch keinen Abbruch.

In seinem Glück ist es für Ned unvorstellbar, dass es auch Menschen geben könnte, die ihm nicht so wohlgesonnen sind; und doch: gerade seine nette, zuvorkommende Art hatte ihm ein paar Feinde gemacht. Ashley Barson-Garland zum Beispiel, dessen Tagebuch Ned erst kürzlich heimlich (und vermeintlich unbemerkt) gelesen hatte; ein Mitschüler, der aus einer niedrigeren gesellschaftlichen Schicht kam, aber mit aller Macht versuchte, oben anzukommen und hart dafür arbeitete. Für ihn waren die Bemühungen Neds, ihm einen Sommerjob zu beschaffen, ihn zu integrieren, eine Verhöhnung.

Aber auch Rufus Cade, ebenfalls ein Mitschüler, war von glühendem Neid auf die natürliche Autorität Neds befallen. Aus dem Weg gehen konnten die beiden sich nicht, und beinahe wäre die Situation eskaliert, als beim Schul-Segeltörn der Skipper verstarb - und Ned ganz selbstverständlich das Kommando übernahm. Aber genauso selbstverständlich war es für den Skipper gewesen, Ned kurz vor seinem Tod noch ein wichtiges Geheimnis anzuvertrauen: einen geheimen Brief, den er unbedingt unbeobachtet an einer bestimmten Adresse abliefern sollte.

Für ein so hübsches, intelligentes Mädchen wie Portia interessierten sich auch noch andere Männer, allen voran ihr Cousin Gordon, der seit kurzem im Haus der Familie lebte.

Ned selbst war es, der sie schließlich den fatalen Kontakt zwischen Gordon und Ashley herstellte, denen sich Rufus zugesellen sollte; und gemeinsam waren sie sich sehr schnell einig, dass einem wie Ned ein Denkzettel verpasst werden müsste. Irgendetwas, das seinem Saubermann-Image schaden könnte, etwas, das der Hochachtung, die er in den Augen seines Vaters, Portias, der ganzen Schule genoss, empfindlichen Schaden zufügen könnte.

Was, wenn er mit Cannabis in der Tasche erwischt werden würde? Eine Idee, die sich simpel in die Tat umsetzen ließ - und schon wenige Stunden später konnten die drei versteckt beobachten, wie Ned von der Zivilstreife abgeführt wurde.

Die Verschwörung hatte gegriffen, es hätte gereicht - doch da war auch noch der geheimnisvolle Brief. Und der entpuppte sich als Dynamit: ausgerechnet er, dessen Vater sich im Nordirlandkonflikt einen Namen gemacht hatte, ausgerechnet er also transportierte ein Schreiben, das für die Attentäter von Relevanz war. Stundenlang wurde er befragt, nach Details ausgehorcht - aber als er die Adresse erwähnte, an der er den Brief hätte abliefern sollen, da kam plötzlich Leben in den Mann, der ihn verhörte. Was Ned nicht wissen konnte: es war dessen Mutter, deren Namen er hier gerade ausgesprochen hatte. Und wenn sich ein Mitarbeiter der Staatssicherheit eines nicht erlauben konnte, dann Familie, die in terroristische Anschläge verwickelt war.

Was blieb ihm schon anderes übrig, als Ned verschwinden zu lassen? Und ehe jener es sich versieht, findet er sich in einer psychiatrischen Anstalt wieder, in der es als Teil seines Krankheitsbildes angesehen wird, dass er sich für Ned Maddstone hält.

Jahrelang vegetiert er in einer Einzelzelle, ohne auch nur ein simples Buch lesen zu können - bis er nach 10 Jahren mit den anderen Gefangenen bzw. Patienten in Kontakt gebracht wird. Zu seinem Glück gibt es hier auch Babe - einen Mann, der einst als Agent im kalten Krieg tätig war, ein Superhirn.

Babe kennen zu lernen war das Geschenk seines Lebens. Die viele Zeit, die sie nach Gutdünken verwenden können, nutzen sie zum Lernen. Als Babe dann 10 Jahre später stirbt, spricht Ned an die 10 Sprachen fließend - und nutzt die Chance, den Tod des Freundes zur eigenen Flucht. Denn jetzt gilt es für ihn, endlich Nutzen zu ziehen, aus all dem, was er in den letzten Jahren gelernt hat; und er will vor allem eines: Rache. Rache für die 20 Jahre seines Lebens, die ihm gestohlen wurden...

Dass man von so einer Geschichte nicht unbedingt Realitätstreue erwarten kann, versteht sich wohl von selbst. Aber Stephen Fry hat die Story so erzählt, dass sie dennoch hätte wahr werden können - und vor allem im ersten Teil, der Verschwörung, die Leben so nachhaltig beeinflussen sollte, ist die Umsetzung genial geglückt. Denn was hier passiert, hat noch nichts mit märchenhaften Wendungen zu tun, ist Realität, gnadenlos überspitzt und in so herrlich süffisantem Ton geschrieben, dass man gar nicht mehr zu lesen aufhören möchte.

Als dann der Bruch kommt, als die unwahrscheinlichen Zufälle beginnen, die Ned für 20 Jahre aus den Verkehr ziehen sollten, hatte wohl auch der Autor leichte Probleme, wie er jetzt weiterschreiben sollte. Es dauert eine kleine Weile, bis er wieder Tritt gefasst hat, bis sein Stil wieder so flüssig wird wie zuvor - nur dass der Inhalt immer absurder fabuliert wird.

Zwar ist auch dieser Teil noch gut zu lesen, aber die getreue Nachahmung des Vorbilds ist gleichzeitig auch die Schwäche dieses Buches. Es bleiben zu wenig Überraschungsmomente, es geht mir als Leser nicht mehr wirklich nahe - obwohl immer wieder sehr gelungene Passagen dabei sind, in denen die Internetgesellschaft und ihre Auswirkungen auf das öffentliche Leben sehr gelungen auf die Schaufel genommen werden.

Trotz aller kleiner Schwächen: ich habe mich hervorragend unterhalten bei der Lektüre dieses Buches! Und einen Teil des Reizes hat sicher auch ausgemacht, dass ich immer wieder im Gedächtnis gekramt habe, wie das denn nun wirklich mit dem Grafen von Monte Christo war, und wieviel der Autor davon denn nun übernommen hat. Viel Spaß dabei!

Stephen Fry

Stephen Fry, "wurde im 20. Jahrhundert geboren und wird im 21. sterben", wie er als einzige Selbstauskunft angibt - oder für die, die es genau wissen wollen: geboren am 24. August 1957 in London. Er ist in Großbritannien nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Schauspieler und Entertainer bekannt geworden; unter anderem mit Verfilmungen von "Oscar Wilde", "Gosford Park", etc.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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