Nicci French - Das rote Zimmer

Originaltitel: The red room
Krimi. C. Bertelsmann Verlag 2002
416 Seiten, ISBN: 3570005895

Kit ist durch ihre Arbeit mit Straftätern und anderen psychisch kranken Menschen einige beunruhigende Reaktionen gewöhnt. Aber der Angriff, der sie am Ende einer Routineüberprüfung ereilt, traf sie völlig unvorbereitet. Es war eine völlig harmlose Situation; sie war von der Polizei zur Hilfe gebeten worden um zu überprüfen, ob der Festgenommene, Michael Doll, als Sexualstraftäter einzustufen war - eine Aussage, die sie mit Nein beantwortet hatte. Dennoch hatte er sie und sich selbst in einem Anfall von Raserei verstümmelt.

Als sie Monate später wieder zu arbeiten beginnt, steht die Polizei erneut vor ihrer Tür. Und wieder soll sie ein Gutachten über Michael Doll anfertigen - diesmal wird er verdächtigt, einen Mord an einer jungen Stadtstreicherin begangen zu haben. Doch Kit´s Urteil entspricht nicht dem, was die Polizei von ihr erwartet: statt die Anklage zu verhärten, widerlegt sie die Argumente, die zu seiner Verhaftung führen könnten.

Aber nicht nur das: sie findet auch eine Verbindung zu einem ganz anderen Mord. Kurz nach der Stadtstreicherin war nämlich auch eine junge Mutter tot aufgefunden worden. Keiner außer Kit hätte zwischen diesen so unterschiedlichen Fällen eine Verbindung hergestellt; schließlich handelte es sich beim zweiten Mordopfer um eine angesehene Frau, die mitten am Tag auf einem Spielplatz, den sie mit ihrer kleinen Tochter besucht hatte, entführt worden war.

Als nicht lange später eine dritte Frau in der Nähe des Fundorts der ersten Leiche angefallen wird, ist wieder Michael Doll in der Nähe. Und nicht nur das: es gibt auch noch eine Verbindung zu Will Pavic, dem Leiter eines Jugendzentrums, bei dem alle Fäden zusammenzulaufen scheinen - und ausgerechnet zu ihm entwickelt Kit in letzter Zeit starke Gefühle...

Wem diese Kurzzusammenfassung etwas unzusammenhängend und unschlüssig erscheint: so ist der ganze Krimi. Nichts daran vermag den Leser zu überzeugen, weder die Rahmenhandlung, die Kit völlig unmotiviert in den Rang einer die Polizeiarbeit unterstützenden Psychologin katapultiert. Die Argumentation für den Zusammenhang zwischen den Morden wirkt absolut krampfig, an den Haaren herbeigezogen - und wenn man tatsächlich bis zum Schluss durchhält und die Auflösung liest, fühlt man sich vom Autorenteam für dumm verkauft.

An Klischees wird nicht gespart; wenn sich allerdings zwischen Kit und ihrer alten Freundin Julie, die sie kurzzeitig bei sich wohnen lässt, tatsächlich noch eine lesbische Beziehung entwickelt hätte, wäre das Buch wohl halbgelesen in einer Ecke gelandet.

"Der Sommermörder", der French-Krimi des letzten Sommers, war für mich ein absolutes Sommer-Highlight, ein Krimi, den ich in einem Haps verschlungen habe und mich an der ungewöhnlichen Spannung erfreut habe. Diese Erwartungen konnte "Das rote Zimmer" nicht einmal ansatzweise erfüllen. Herausgekommen ist ein maximal mittelmäßiger Krimi - den ich nicht weiterempfehle.

Nicci French

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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