Nicci French - Der Sommermörder

Originaltitel: Beneath the Skin
Krimi. Goldmann Verlag 2001
410 Seiten, ISBN: 3570003043

London im Hochsommer. Eine Großstadt schwitzt. Die Frauen tragen dünne Kleider, zeigen Haut, Beine, nehmen die Sonne in sich auf, oder leiden unter der Hitze - und da ist ein Mann, der das alles ganz genau beobachtet. Der die kleinen Nachlässigkeiten beobachtet, den Knopf, der lose sitzt, den absplitternden Nagellack, den Nikotinfleck am Finger.

Zoe lebt noch nicht allzu lange in London. Als sie damals in die Stadt zog, hatte sie überstürzt eine schreckliche Wohnung gekauft, die sie nun nicht mehr loswird. Aber nun kennt sie langsam ein paar Leute, mit denen sie ausgeht, feiert und das Leben genießt. Und zu plötzlichem Ruhm ist sie auch gekommen: eine schnelle Reaktion, eine Wassermelone, die plötzlich als Waffe eingesetzt wird; und schon ist ein Handtaschenräuber dingfest gemacht. Dass diese Aktion allerdings so viel Reaktion hervorruft, hätte sie nie gedacht; plötzlich erhält sie Briefe von allen möglichen Menschen. Heiratsanträge, Lob, Beschimpfungen - die Palette reicht weit. Aber da sind auch diese seltsamen Briefe, die wie Liebesbriefe wirken. Und doch eine schreckliche Drohung beinhalten: da will sie jemand töten. Und dieser jemand beobachtet sie genau; er weiß von dem kleinen Nikotinfleck an ihrem Finger. Weiß, wie man in ihre Wohnung kommt. Die Polizei nimmt die Drohung zunächst nicht ernst. Und die Briefe kommen weiterhin, immer perfider werden die Drohungen. Angst, panische, schreckliche Angst ergreift Zoe. Ihre Wohnung mag sie nicht mehr betreten. Nur, um noch ein paar Kleinigkeiten zu holen, betritt sie sie nochmals - ein letztes Mal.

Jenny lebt ebenfalls in Nordlondon. Das Haus, das sie und ihr Mann gerade gekauft haben, muss erst noch renoviert werden, um ihren Vorstellungen zu entsprechen. Ein Heer von Handwerkern gilt es zu dirigieren; und eines Morgens hält sie einen Brief in Händen. Einen Liebesbrief. Mit einer Morddrohung. Die sie nicht ernst nimmt, nicht ernst nehmen will - und nur widerwillig die Polizei ruft. Dass diese gleich mit einem großen Aufgebot bei ihr einfällt, schockiert sie; Personenschutz erhält sie, eine Psychologin versucht, in ihrem Leben irgendwo den Schlüssel zu dem Psychopathen zu finden, der diese Briefe schreibt. Ja, es hätte da schon Vorfälle gegeben, sie wäre nicht die Erste, die diesen Drohungen ausgesetzt war. Und trotz der Bewachung, trotz der ständigen Polizeipräsenz, gelingt es dem Briefeschreiber immer wieder, ihr Botschaften ins Haus zu schmuggeln. Schreckliche Botschaften. Und grausam; einen Briefumschlag, mit Rasierklingen präpariert. Und dann entdeckt die Polizei im Arbeitszimmer ihres Mannes Dokumente, die sie veranlassen, sich näher mit ihm auseinanderzusetzen. Kurz darauf scheint es klar: der Mörder ist gefasst. Der Polizeischutz wird abgezogen. Jenny will zu ihren Söhnen - und kommt dort nie an. Denn, wie ihr der Mörder zuflüstert: die Unschuld ihres Mannes kann am Besten bewiesen werden, indem sie getötet wird, während er eingesperrt ist.

Nadia ist Kinderentertainerin. Und ein chaotischer, unorganisierter Mensch. Ihr Freund hat sie gerade verlassen, ihre Buchhaltung hinkt meilenweit hinterher, und dann streikt auch noch ihr Computer. Dem ist schnell abgeholfen, ein paar wenige Handgriffe des netten Profis, der dafür noch nicht einmal Geld will, reichen. Aber dann kommen auch bei ihr plötzlich Liebesbriefe mit Morddrohungen. Und auch um sie herum wimmelt es plötzlich vor Polizei. Wobei das im Fall von Cameron Stadler durchaus nicht unangenehm ist; ein aufregender Mann. Aber auch er verrät ihr nicht, warum diese Briefe so ernst genommen werden. Dann begegnet ihr bei einem ihrer Auftritte ein kleiner Junge. Der ihr erzählt, seine Mami wäre gerade ermordet worden. Weil sie böse Briefe bekommen hätte...

Puh, war das spannend! Nicci French - bzw. das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French, das sich hinter diesem Pseudonym verbirgt - hat hier von der ersten Seite an eine wunderbare Spannung aufgebaut, so dass man das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Sie beobachtet unheimlich genau und schafft es, den Leser ebenso unter der schwülen Hitze leiden zu lassen wie die Beklemmung und Unsicherheit, die Panik zu erleben lassen, die die Opfer befällt.

Zwar ist Nadia, die Frau, die beschließt, sich nicht auf die Polizei zu verlassen sondern auf eigene Faust gegen den Mörder ankämpft, an manchen Stellen etwas zu tough geraten; aber es soll ja schließlich ein Krimi sein, und keine soziologische Studie.

Der perfekte Sommerkrimi!

Nicci French

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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