Marianne Fredriksson - Hannas Töchter

Originaltitel: Anna, Hanna och Johanna
Roman. Diverse 1997
381 Seiten, ISBN: 3596144868

Hanna ist noch ein Kind, als sie zu ihrer Tante auf den Hof gegeben wird, um dort mitzuarbeiten und ihre Eltern zu entlasten. Aber sie ist nicht mehr Kind genug, um nicht die Aufmerksamkeit ihres Cousins auf sich zu ziehen, der sie schließlich vergewaltigt und schwängert. Schwanger, ohne verheiratet zu sein - das galt zu dieser Zeit als schlimmsten Makel, den man als Frau haben konnte.

Zwar wurde, um den Familienfrieden zu wahren, eine Heirat zwischen Hanna und ihrem Schänder angedacht - aber zu ihrem Glück machte er sich vorher aus dem Staub. Mit dreizehn war sie also Mutter eines kleinen Sohnes - und wäre nicht einige Jahre später ein Müller aus einem fremden Dorf in ihre Heimat gezogen, wäre sie wohl nie zu der achtbaren Frau geworden, zu der besagter Müller sie machte.

Ein feines Haus, die eigene Bewirtschaftung; Arbeit gab es rund um die Uhr, doch das war für Hanna nichts Ungewohntes. Ein paar Kinder kamen noch, und zuletzt eine Tochter - der Augapfel des Vaters, Johanna.

Nach dem Tod des Müllers ist ein Fortbestand der Mühle wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Die Familie zieht in die Stadt, wo Hannas ältester Sohn sich schon länger niedergelassen hat. Die Jungen sind entwurzelt, Hanna arbeitet in der Fabrik - und Johanna lernt die Vorteile des Stadtlebens zu schätzen.

Sie ergreift einen Beruf, ist erfolgreich als Verkäuferin, und leidenschaftlich davon überzeugt, dass der Sozialismus der neue Weg sei. Auf einer der Versammlungen lernt sie dann auch den Mann kennen, der ihr weiteres Leben bestimmen soll: Arne. Sie heiraten, bauen ein Haus; aber zu ihrem großen Kummer endet jede Schwangerschaft in einer Fehlgeburt. Bis dann, spät, das Wunder geschieht: Anna.

Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise, gefolgt vom zweiten Weltkrieg; auch in der kleinen Siedlung, in der Johanna und Arne sich niedergelassen haben, wohnen Juden, die nun das Land verlassen.

Anna, der alle Möglichkeiten offen stehen, die studiert hat, setzt das Erbe ihrer Mütter fort, was die Liebe angeht: keine unproblematische Beziehung, die ihr bevorsteht, sondern ein fortwährender Kampf, an dem sie fast zu zerbrechen droht...

Diesen drei Frauengenerationen in Schweden durch die Zeit zu folgen ist spannend, sehr interessant, und vor allem auch auf so lebendige Weise geschildert, dass man sie alle zu kennen meint, Hanna, Johanna und Anna.

Vor allem die Geschichte Hannas, die unserem heutigen Lebensstandard so fremd erscheint, hat mich gefesselt; die selbstverständliche Gewalt, das Unvermögen, Gefühle zuzulassen, das ihrer Beziehung zum Müller dann im Weg stand. Für mich war es auch interessant von den Konflikten zwischen Schweden und Norwegen zu lesen, die mir bislang noch nicht bewusst waren.

Aber auch die späteren Generationen mit ihren auf der einen Seite so anderen, aber doch auch wieder ähnlich gelagerten Sorgen und Ansprüchen; die Rolle der Frau in der Gesellschaft, der Wunsch nach Arbeit als Selbstbestätigung, die Abhängigkeiten, all das hat die Autorin hier wirklich packend und informativ geschildert.

An der Rahmenhandlung und so manchem Kapiteleinstieg hatte ich zwar häufig weniger Freude; aber sobald die Autorin dann wieder in ihren Erzählfluss zurückgefunden hatte, war auch die Leselust wieder da. Ein Buch, das ich mit großem Interesse und viel Empathie gelesen habe - und aus ganzem Herzen weiterempfehle.

Marianne Fredriksson

Marianne Fredriksson wurde 1927 in Göteborg geboren. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter. Als Journalistin arbeitete sie lange für bekannte schwedische Zeitungen und Zeitschriften. 1980 veröffentlichte sie ihr erstes Buch, seitdem hat sie neun weitere erfolgreiche Romane geschrieben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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