Jonathan Franzen - Die Korrekturen

Originaltitel: The Corrections
Roman. Rowohlt Verlag 2002
670 Seiten, ISBN: 3499235234

Die Lamberts sind eine typische amerikanische Familie. Enid und Alfred haben sich im Mittelwesten angesiedelt, drei Kinder großgezogen. Mittlerweile ist Alfred in Pension, und es wäre endlich an der Zeit, das Leben zu genießen. Die Kinder sind längst aus dem Haus, haben sich nach dem Studium an der Ostküste niedergelassen; Geld ist zwar nicht unbeschränkt vorhanden, aber zu bescheidenem Wohlstand haben sie es doch gebracht.

Aber Alfreds Ambitionen reichen selten weiter, als in seinem blauen Sessel zu sitzen und zu schlafen. Außerdem fangen seine Hände immer stärker an zu zittern. Parkinson. Aber das ist etwas, wovor Enid die Augen verschließt. Wenn er sich nur ein wenig mehr anstrengen würde, wenn er ein wenig aktiver wäre - dann würden sich seine Probleme rasch lösen lassen, davon ist sie überzeugt. Sie hat schließlich ein Recht darauf, jetzt auch einmal zu leben, zu genießen - immerhin hat sie ihre Bedürfnisse immer zurückgesteckt. Zu einem Zweck allerdings ist Alfreds Erkrankung dann doch zu nutzen: um die Kinder zu erpressen, doch für ein letztes Weihnachten nach St. Jude zu kommen, ein letztes Weihnachten mit allen zusammen in ihrem Elternhaus - darauf arbeitet Enid hin.

Schon im März fängt sie an, auf ihre Kinder einzureden, um sicherzustellen, dass alle noch an die günstigen Flugtickets kommen. Bei ihrem ältesten Sohn Gary stößt sie zwar nicht auf völlig taube Ohren - aber seine Frau, seine Kinder mit Ausnahme des Jüngsten, reagieren schon auf den Gedanken, ein paar Tage in St. Jude zu verbringen, allergisch. Caroline empfindet es schon als schlimm genug, Enids Mutter ein paar Tage im eigenen Haus zu beherbergen, aber unter ihrem Dach? Nie mehr wieder! Dazu steckt ihre Ehe ohnehin in einer Krise; Gary sei doch nur depressiv, wie sein Vater, und er sei nicht in der Lage, es zuzugeben, wirft Caroline ihm immer wieder vor. Und ganz unrecht hat sie damit nicht. Obwohl Gary es anders machen wollte als Alfred, obwohl er für seine Kinder Zeit haben wollte, seine Karriere nicht so vorrangig betrieben hatte, obwohl er nie Arbeit mit nach Hause genommen hatte, pünktlich um 17 Uhr das Büro verlassen hatte - trotzdem ist er ein Fremder in der eigenen Familie, ist seine Funktion darauf beschränkt, abends am Grill zu stehen, um dann ansehen zu müssen, wie seine Kinder das Essen in den Müllschlucker werfen um gleich darauf Pizza zu bestellen.

Chip hatte eigentlich eine aussichtsreiche Karriere an der Universität vor sich. Es war zwar für ihn nur ein Schritt auf dem Weg zum Schriftsteller, zum Drehbuchautor - aber dass ihm dann eine Studentin in die Quere kommen und seinen Job kosten würde, hatte er nicht erwartet. Mit anzusehen, wie sein fertiges Drehbuch dann als Kindermalblock verwendet wird bringt ihn vorerst zur Vernunft; aber dann lockt das nächste Abenteuer: auf nicht legale Weise für den Litauischen Staat zu arbeiten, Internetbetrügereien auszutüfteln.

Vordergründig war Denise die einzige, die ihr Leben wirklich im Griff hatte. Zwar war sie nach kurzer Ehe mit einem älteren Mann schon geschieden, doch ihre Karriere als Köchin schien kaum mehr aufzuhalten, ihr Ruf verbreitete sich schnell. Sie ist dasjenige von den drei Kindern, das sich am meisten um die Eltern bemüht - oder besser, um ihren Vater bemüht. Aber auch sie kommt mit ihrem Leben nicht klar; zu ihrer Beunruhigung merkt sie, dass sie sich wesentlich mehr für die Frau ihres Chefs interessiert als für ihn, der ihr offen Avancen macht.

Eigentlich ist es ein ganz gewöhnliches Jahr im Leben einer ganz gewöhnlichen Familie, und genau das ist auch das außergewöhnliche an diesem Buch. Ob es jetzt wirklich eine literarische Sensation ist, als die es in Amerika gefeiert wird, sei dahingestellt. Aber Jonathan Franzen hat einen außergewöhnlich scharfen Blick dafür, wo sich im familiären Miteinander Risse entlang der glatten Oberfläche auftun. Alleine zu lesen, wie beispielsweise in Garys Familie der Kampf um Macht und Vorherrschaft nicht einmal besonders subtil durch Geld, durch Geschenke gelenkt wird, erkennt man in irgendeiner Form aus dem eigenen Leben wieder. Franzen hält die Kamera mit starker Vergrößerung auf solche Szenen gerichtet - und es ist kein Weichzeichner dabei, kein Abmildern, kein gnädiger Szenenwechsel. Er hat es auch nicht nötig, stark zu verzerren oder zu übertreiben.

Fröhlich stimmt es einen nicht gerade, diese Szenen zu lesen; durch die Alltäglichkeit ist man als Leser viel zu nah dran, um gleichgültige Distanz wahren zu können. Wenn zum Beispiel Chip hinter seinen eigenen Erwartungen so weit zurückbleibt, weil er gedanklich schon dabei ist, den Erfolgreichen zu spielen, ohne zuvor den Grund dafür zu liefern, der ihm diesen Erfolg bescheren könnte; es ist großartig zu lesen, aber es verursacht auch Unbehagen.

Am besten gelungen ist Franzen aber die Charakterisierung von Enid Lambert. Ihre Einmischungsversuche in das Leben ihrer Kinder, ihre vermeintliche Machtlosigkeit gegen den sturen Willen ihres Mannes, das Abblocken der Kinder: man sieht sie förmlich vor sich, diese Frau, die sich immer dafür abgestrampelt hat, mit den viel wohlhabenderen Nachbarn mitzuhalten, die sich in ihrer Ehe völlig alleingelassen fühlt, die niemanden hat, der ihre Liebe und Fürsorge annehmen will.

Die drei Kinder versuchen das, was wohl die meisten von uns versuchen: Die Fehler, die die Eltern begangen haben, nicht zu wiederholen, ein eigenes Leben zu leben, glücklich zu werden. Aber je stärker sie sich darum bemühen, umso weniger davon erreichen sie.

Auf beinahe 800 Seiten hat der Autor aber auch genügend Raum, seine Geschichten in ein zynisch-bitteres Gesellschaftsbild einzubetten, in der technisch schon vieles machbar ist, was früher kaum denkbar schien. Eine Pille, um den Charakter eines Menschen zu manipulieren? In einem Land, das die Todesstrafe befürwortet ist das doch nicht undenkbar, oder?

Ob "Die Korrekturen" nun wirklich dieser bahnbrechende moderne Roman ist, als der er gefeiert wird, kann und will ich nicht beurteilen. Mir persönlich hat er ausgesprochen gut gefallen, und das trotz der zynischen, desillusionierenden Grundstimmung. Jonathan Franzen hat die Famile Lambert mit so viel Sorgfalt und Liebe zum Detail geschildert, dass ich sie beim Lesen wirklich kennen gelernt habe, dass sie für mich beinahe Realität geworden sind. Liebgewonnen habe ich zwar keines der Familienmitglieder, aber das spricht nur für die sehr differenzierte Form der Charakterisierung. Ja, eine unbedingte Empfehlung für dieses Buch - und gleichzeitig der Hinweis, ein wenig Zeit und Ruhe mitzubringen, dem Roman die Zeit zu gewähren, die er braucht, bis die Ouvertüre vorbei ist und die Oper beginnen kann.

Jonathan Franzen

Jonathan Franzen wurde 1959 in Western Springs / Illinois geboren, wuchs in Webser Groves/Missouri auf, einer Vorstadt von St. Louis. Im Jahr 1988 veröffentlichte er den Roman "The Twenty-Seventh City", 1992 einen zweiten, "Strong Motion". Für seinen dritten Roman, "The Corrections", in Amerika als literarische Sensation gefeiert und millionenfach verkauft, bekam er 2001 den National Book Award verliehen. Jonathan Franzen studierte eine Zeit lang in Berlin und München und lebt heute in New York. Auch sein Roman "Freiheit", im September 2010 erschienen, stürmt sofort nach Erscheinen die Bestsellerlisten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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