Originaltitel: Liebediener
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1999
239 Seiten, ISBN: 3423129042

Ostersonntag in Berlin. Ein Auto wird schon seit Ewigkeiten hin und her rangiert, um aus der zu kleinen Parklücke zu gelangen. Dann macht es plötzlich einen Satz. Streift eine Frau, die daraufhin vor eine gerade ankommende Straßenbahn stürzt. Und ist verschwunden. Niemand hat das Auto beobachtet, jeder nur die Frau gesehen, die plötzlich aus unerfindlichen Gründen vor der Straßenbahn gelandet ist. Außer Beyla.
Aber Beyla schweigt. Beyla schweigt auch noch, als sie weiß, dass sie die tote Frau kannte. Dass das ihre Nachbarin Charlotte war. Sie schweigt, als Charlottes Tante sie zur Beerdigung einlädt, ihr sagt, Charlotte hätte es so gewünscht, dass zukünftig sie in ihrer Wohnung leben sollte. Und sie schweigt auch noch, als sie auf der Beerdigung einen Mann trifft, den sie glaubt, schon einmal gesehen zu haben. Hinter dem Steuer eines kleinen roten Autos, das am Ostersonntagmorgen in der Kastanienallee so lange zum Ausparken gebraucht hatte.
Ihr Verdacht verflüchtigt sich rasch. Umso rascher, als dieser Mann ihr ausnehmend gut gefällt. Und im selben Haus wie sie wohnt. Sie hört ihn, nachts, wenn er Klavier spielt. Sie riecht den Zigarettenrauch, wenn er sich aus dem Küchenfenster lehnt. Und sie hört das Telefon, immer wieder das Telefon.
So leidenschaftlich ihre Beziehung zu ihm auch wird, so viele Rätsel birgt er auch für sie. Denn ihr erklärt er, das Telefon nicht zu mögen. Sie merkt, dass er ihr die Tür oft nicht aufmacht. Sie hört ihn, abends. Sie sieht Frauen, die ihn mit leuchtenden Augen grüßen. Sie findet Bilder von ihm in Charlottes Wohnung. Und als sie beschließen, übers Wochenende wegzufahren, kommt er mit einem kleinen roten Auto vorgefahren...
So ganz verstehe ich nicht, was rundherum so viele Leser in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt, die dieses Buch gelesen haben. Gerade im ersten Teil, als die Handlung noch hauptsächlich um den Tod Charlottes und die Auswirkungen auf Beylas Leben kreiste, erschien mir allzu viel an den Haaren herbeigezogen, ein Versuch, künstlich Spannung zu erzeugen.
Dabei hätte die Autorin das gar nicht nötig. Denn die Stellen im Roman, wenn sie die wachsende Leidenschaft, die Hörigkeit Beylas schildert, die sind voller Leben und atmosphärisch dicht geschrieben. Atemlos lässt man sich wie die Protagonistin in einen Strudel widersprüchlicher Emotionen ziehen. Was die Autorin über die Berlin, über Prenzlauer Berg, die Ecke um die Kastanienallee erzählt - das hat mich natürlich besonders neugierig gemacht, weil es auch mein Kiez ist, den sie hier beschreibt. Und dieses sonderbare Ambiente aus Verfall und Aufbruchstimmung hat sie ganz gut eingefangen.
Aber dann kommt doch immer wieder die Rahmenhandlung. Gerade im Vergleich zu den Stellen, die das Können der Autorin zeigen, wirken sie hanebüchern, unbeholfen - und haben mir beim Lesen häufig die Freude stark getrübt. Die Autorin sollte man auf jeden Fall im Auge behalten!
Julia Franck, geboren 1970 in Berlin (Ost), gilt als eine der talentiertesten jungen Schriftstellerinnen. 1995 Preisträgerin des "Open Mike" der LiteraturWERKstatt Berlin, 1998 Alfred-Döblin-Stipendium, 2000 in Klagenfurt ausgezeichnet mit dem 3-Sat-Preis, 2007 den Deutschen Buchpreis für "Die Mittagsfrau". Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin
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