Julia Franck - Lagerfeuer

Originaltitel: Lagerfeuer
Roman. Dumont Literaturverlag 2003
301 Seiten, ISBN: 3832178511

Wofür sie eigentlich Zahnpasta benötigen würde, wenn sie doch in den Westen ziehe, um mit ihrem zukünftigen Mann zusammenzuleben? Warum sie nie verheiratet gewesen wäre? Und ihre Mutter und Großmutter ebenfalls nicht? Warum ihre Großmutter nach Berlin zurückgekehrt wäre? Warum sie überhaupt den Krieg überlebt hätte, als Jüdin? Was mit dem Vater der Kinder wäre?

Nelly Senff war schweißgebadet, als sie endlich die Tortur der Ausreise, der letzten Befragung vor der Grenze, hinter sich hatte - man hatte ihr nichts erspart, hatte die Kinder von ihr getrennt, ihr die Kleider weggenommen, peinliche Untersuchungen an ihr durchgeführt - doch nun war sie da, war drüben, war endlich in Westberlin.

Westberlin - oder das, was ihr für den Anfang zugestanden wurde, das Notaufnahmelager Marienfelde. Ein winziges Zimmer mit Stockbetten, in dem sie noch nicht einmal alleine waren, und dann gehen die Befragungen auch hier los, die Unterstellungen der Geheimdienste, sie wäre als Agentin tätig. Schließlich war schon der Vater der Kinder im Osten auffällig gewesen, und ob sein Sprung aus dem Hochhaus tatsächlich stattgefunden hatte, und wenn, ob er gestoßen wurde, konnte nie aufgeklärt werden.

Doch abgesehen von diesen Befragungen gab es vor allem erzwungene Nähe zu den anderen Bewohnern des Notaufnahmelagers. Wie zum Beispiel Krystyna, die mit ihrem Vater und Bruder nach Berlin gekommen war, um ihrem Bruder die hoffentlich lebensrettende Operation zu ermöglichen, und dafür ihre Karriere als Musikerin geopfert hatte; oder Hans, der Schauspieler, der vom Westen freigekauft worden war und nun schon seit zwei Jahren in diesem Lager verbrachte.

Zu viele Menschen auf zu engem Raum, die plötzlich mit einem anderen System zurechtkommen müssen - auch wenn sie das zuvor erhofft hatten - zu wenig Geld, zu wenig Möglichkeiten, es zu beschaffen, das sind nicht unbedingt die Voraussetzungen für harmonisches Zusammenleben. Und wenn dann noch der Verdacht aufkommt, einen Stasi-Spitzel in der Menge zu kommen, können die Emotionen hochkochen...

Julia Franck gilt als eine der vielversprechendsten jungen deutschen Autorinnen; mein Eindruck von ihren Büchern ist etwas zwiespältig. "Liebediener" war ok, aber nicht überwältigend, "Bauchlandung", die Geschichten zum Anfassen, hatten mir anfangs ausgezeichnet gefallen, aber nachdem ich sie von ihr selbst vorgelesen gehört hatte, war auch hier die anfängliche Begeisterung verflogen.

Und nun ein neuer Roman. Die ersten Seiten: wunderbar. Die Szenen, las Nelly mit ihrem vorgeblichen Ehemann im Auto sitzt, wie sie verhört wird, ihre Angst um die Kinder, da stimmt alles. Die Anspannung ist mit Händen greifbar, die Geschichte beginnt spannend, die Neugierde ist geweckt - und dann kommen sie in Westdeutschland an, und wir müssen uns mit Krystyna befassen, die ihren Bruder im Krankenhaus besucht, zu dem sie ein sehr einseitig fixiertes Verhältnis hat, danach erleben wir den gescheiterten, freigekauften Schauspieler Hans, dann noch einen Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes, aber nichts davon schafft es, in mir die Anfangserwartung zu erfüllen.

Wenn Julia Franck wieder von Nelly, speziell von ihren Kindern und den Problemen, denen sie in der Schule ausgesetzt sind, schreibt, dann ist diese Stimmigkeit wieder da, dann lebt die Geschichte wieder. Vielleicht, weil sie es selbst ähnlich erlebt haben könnte, weil sie selbst Kinder hat und die Gefühle der Mutter nachempfinden kann - jedenfalls sind das für mich die besten Teile des Buches, die auch auf mehr hoffen lassen.

Wie die Autorin bei ihrer Lesung im September 02 erzählt hatte, hatte sie lange mit sich gerungen, aus welcher Perspektive sie die vier ineinander verwobenen Geschichten erzählen solle. Aus heutiger Kenntnis des Buches würde ich ihr wahrscheinlich raten: auf eine der vier Geschichten konzentrieren, und zwar auf die glaubwürdigere, also Nelly. Zwar erschienen mir auch hier die Verhöre durch die Geheimdienste sehr übertrieben, aber da fehlt mir nähere Kenntnis; insgesamt aber war das die einzige wirklich interessante Figur des Buches.

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Julia Franck mit diesem Buch die an sie gestellten Erwartungen erfüllen wollte, einen *großen* Roman zu schreiben, der sich kritisch mit Zeitgeschichte auseinandersetzt; das ist ihr in meinen Augen nicht gelungen. Und so bleibt es (zumindest für mich) wohl auch weiter beim Attribut "vielversprechend".

Julia Franck

Julia Franck, geboren 1970 in Berlin (Ost), gilt als eine der talentiertesten jungen Schriftstellerinnen. 1995 Preisträgerin des "Open Mike" der LiteraturWERKstatt Berlin, 1998 Alfred-Döblin-Stipendium, 2000 in Klagenfurt ausgezeichnet mit dem 3-Sat-Preis, 2007 den Deutschen Buchpreis für "Die Mittagsfrau". Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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