Julia Franck - Bauchlandung

Originaltitel: Bauchlandung
Erzählung(en). dtv Der TaschenbuchVerlag 2002
120 Seiten, ISBN: 3423129727

Nachdem ich vom Roman "Liebediener" dieser Autorin nur bedingt begeistert war, haben mich die Erzählungen, die in diesem Band zusammengefasst sind, absolut überzeugt.

Meine Lieblingsgeschichte ist "Zugfahrt". Eine junge Frau ist unterwegs zur Hochzeit einer alten Freundin. Sie hätte auch fliegen können, der Brautvater hätte es gerne bezahlt, doch für sie gehört die lange Anreise zu einer Reise einfach dazu. Sie malt sich gerne aus, was ihr auf dieser Fahrt alles widerfahren kann; die Reisebekanntschaften, die sie machen wird, die Abenteuer, die auf sie warten - das alles gehört mit dazu. Als sich dann ein Mann zu ihr ins Abteil sitzt, weiß sie allerdings: auch wenn ihre Vorstellungen von einer Reisebekanntschaft nur sehr vage sind - dass es sich dabei um diesen Mann handeln könnte, ist ausgeschlossen. Doch er scheint da anderer Meinung zu sein. Immer wieder versucht er, sie ins Gespräch zu ziehen, bietet ihr von seinen mitgebrachten Wurstbroten an, vor denen sie sich schon alleine des Geruchs wegen ekelt. Und als dann noch weitere Fahrgäste zusteigen, ist für ihn bereits ein Grad der Vertraulichkeit eingetreten, dessen sie sich kaum erwehren kann. Dabei sind diese neu Zugestiegenen für sie wesentlich interessanter; ein Ehepaar, das dann doch keines ist, ein Vater mit seinem kleinen Sohn - aber so sehr ihre Phantasie ihr auch Bilder vorgaukelt - am Ende steht sie doch alleine auf dem Gang vor dem Abteil und sieht aus dem Fenster.

Was die Autorin hier wirklich großartig einfängt ist diese ganz spezielle Atmosphäre bei einer längeren Zugfahrt, dieser Mischung aus Intimität und Sich-Abgrenzen-Wollen. Der aufdringliche Mann, den abzuschütteln der Erzählerin kaum gelingt, die Dialoge, die sie mit ihm führt - es ist ein Genuss, diese Passagen zu lesen.

Sehr genau beobachtet und detailliert, aber nicht ausschweifend geschildert sind auch die anderen Geschichten, deren erotischer Unterton nie ins Peinliche abgleitet. In "Mir nichts, dir nichts" begegnen wir einer jungen Frau, die sich noch ganz warm und weich fühlt, nachdem ihr Liebhaber die Nacht bei ihr verbracht hat. Als es an der Tür klingelt, erwartet sie eigentlich, ihn schon wieder hier zu sehen, weil er sich nicht von ihr trennen konnte - und öffnet statt dessen seiner Freundin die Tür. Emily. Eine in Tränen aufgelöste Emily, die die ganze Nacht vor der Tür ihres Freundes auf dessen Heimkehr gewartet hat und sich nun bei ihrer besten Freundin ausheulen will - denn eines ist für sie gewiss: er hat eine Andre, muss eine andere haben, aber wen?

Zwar haben nicht alle Erzählungen in dem schmalen Band dieselbe Dichte, aber sie zeichnen sich allesamt durch klare, pointierte Sprache aus, durch sehr genaue Alltagsbeobachtungen. Es ist ihr gelungen, zwischenmenschliche Schwingungen, die nur unterschwellig spürbar sind, genauso unterschwellig in ihre Texte zu verpacken. Ich bin begeistert!

Julia Franck

Julia Franck, geboren 1970 in Berlin (Ost), gilt als eine der talentiertesten jungen Schriftstellerinnen. 1995 Preisträgerin des "Open Mike" der LiteraturWERKstatt Berlin, 1998 Alfred-Döblin-Stipendium, 2000 in Klagenfurt ausgezeichnet mit dem 3-Sat-Preis, 2007 den Deutschen Buchpreis für "Die Mittagsfrau". Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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