Dick Francis - Peitsche

Originaltitel: Enquiry (Dt. Erstausgabe unter dem Titel "Milford liebt die Peitsche")
Krimi. Diogenes 2002
268 Seiten, ISBN: 3257227558

Wenn bei einem Rennen der Favorit knapp vom zweiten Pferd geschlagen wird, das derselbe Trainer an den Start geschickt hat, wenn dieser Trainer dann auch noch durch einen Strohmann eine beträchtliche Summe auf den Sieg ebendieses Pferdes gesetzt hatte - ja, dann konnte man schon vermuten, dass da eventuell vorher Absprachen getroffen worden waren, dass dem Jockey gesagt worden war, er solle sein Pferd kurz vor dem Ende noch etwas bremsen.

Dieser Ansicht jedenfalls waren die Stewarts des Jockeyclubs, als der Vorfall von ihnen behandelt wurde. Da half es auch nichts, dass Kelly Hughes, der fragliche Jockey, eigentlich jedes der Argumente zu widerlegen vermochte; es wurde ihm gar nicht zugehört.

Das Urteil lautete entsprechend: Entzug der Lizenz. Unbefristet. Keine Rennbahnen mehr. Keine Rennställe mehr. Nichts. Ende einer Existenz.

Und all das, wenn man ungerecht behandelt wird - das kann Kelly Hughes nicht auf sich sitzen lassen. Nachdem der erste Schock überwunden ist, geht er die Verhandlung nochmals systematisch durch - und stößt auf einige Ungereimtheiten. Wer, wenn nicht der Club, hatte den Privatdetektiv beauftragt, ein belastendes Foto in seiner Wohnung aufzunehmen? Wer hatte dafür gesorgt, dass der falsche Film als Beweismittel angefordert wurde? Wer hatte ein Interesse daran, ihn aus dem Rennen zu sehen?

Bald schon stellt er fest, dass der Vernichtungsfeldzug nicht ihm galt, dass er nur lästiges Beiwerk war, das aus dem Weg geräumt gehörte...

Ein passionierter Francis-Leser weiß ja, was ihn erwartet, wenn er ein Buch dieses Autors in Händen hält: ein gut durchdachter Plot, zügiges Erzähltempo, feinen britischen Humor, einen Helden, der wider Willen anfängt, sich zur Wehr zu setzen, ein Mann, der Prügel einstecken kann - und sich vor allem nicht eines billigen Vorteils wegen verkauft.

Vielleicht ist es die Vorstellung, sich mit seinen Protagonisten in gewisser Weise identifizieren zu wollen, die den Reiz des Buches ausmacht; wie man aus einer zwar nicht unbedingt biederen, aber doch durchschnittlichen Existenz durch die Anforderungen der Situation unvermittelt zum Helden wird - und dennoch auf dem Teppich bleibt.

Vielleicht ist es aber auch einfach nur die Gewissheit: Einen Krimi dieses Autors in Händen zu halten bedeutet, für ein paar Stunden in eine andere Welt eintauchen zu können, Rennbahnluft schnuppern zu dürfen, und danach das Buch mit befriedigtem Seufzer wieder aus der Hand legen zu können und zu wissen: ja, die wichtigsten Probleme sind gelöst, es gibt wieder Gerechtigkeit, wenn auch nicht unbedingt immer Recht im juristischen Sinne.

Wie der Titel schon verrät, spielt dieser Roman wieder ganz entscheidend im Rennbetrieb, aber dennoch spielen Pferde keine überragende Rolle, sind Requisite. Also auch ein Titel, der für all diejenigen interessant sein kann, die bislang aufgrund des Pferdebezugs auf die Lektüre eines Dick Francis verzichtet haben!

Dick Francis

Dick Francis, geb. am 31.10.1920 als Richard Stanley Francis in Wales, war einst einer der bekanntesten Hockeys Englands, der auch für den Stall der Queen Mum antrat, bis 1956 ein Sturz seine Karriere beendete. "Scherben" war laut seiner eigenen Aussage sein letztes Buch, das er Königin Elisabeth, der Königinmutter, zum 100. Geburtstag gewidmet und erst auf ihre Bitte hin überhaupt noch geschrieben hatte. 2006 erschien dann aber ein weiterer Krimi, "Gambling / Under Orders", bereits in der Koautorschaft mit seinem Sohn Felix Francis. 3 weitere gemeinsame Romane folgten. Dick Francis verstarb am 14. Februar 2010 89jährig auf den Kaimaninseln, wo er zuletzt lebte, an Altersschwäche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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