Dick Francis - Knochenbruch

Originaltitel: Bonecrack (Dt. Erstausgabe unter dem Titel "Tod am Turf"
Krimi. Diogenes 2002
276 Seiten, ISBN: 3257228368

Dass man in einem Reitstall immer wieder mit Knochenbrüchen und Verletzungen konfrontiert wird, ist jedem Profi klar. Neil Griffon ist allerdings kein Profi - zumindest nicht im Rennstall. Sein Metier sind schlecht laufende Firmen, die er erfolgreich zu sanieren versteht. Dass da auch im Rennstall seines Vaters einiges im Argen liegt, merkt er bei Durchsicht der Bücher schnell - aber womit er nicht rechnen konnte, war die Drohung, die ihm ziemlich unverblümt vermittelt wurde: wenn er den verzogenen Sprössling eines exzentrischen reichen Mannes nicht auf dem besten Pferd das Derby würde reiten lassen, gäbe es bald keinen Rennstall mehr.

Die Drohung hatte eigentlich Neils Vater gegolten, der schwer verletzt im Krankenhaus lag. Neil war nur kurzfristig eingesprungen - und sah sich nun mit einer nahezu aussichtslosen Lage konfrontiert. Nein, hier konnte er nicht, wie geplant, einen Trainer engagieren und sich wieder den eigenen Geschäften zuwenden. Um dieses Schlamassel musste er sich selbst kümmern, das konnte er seinem Vater nicht zumuten. Nicht, dass er ein besonders liebevolles Verhältnis zu seinem Vater gehabt hätte, im Gegenteil: die Beziehung als kalt zu bezeichnen war noch Euphemismus.

Aber es war auch Neils Ehrgeiz, der geweckt wurde. Als ihm dann Alessandro Rivera entgegentrat, war ihm schnell klar, dass dieser zwar einige Eigenschaften seines Vaters geerbt hatte, aber bei weitem nicht die kriminellen Energien desselben besaß.

Ein zäher, langwieriger Kampf begann: den Stall zu retten, ohne der Drohung nachzugeben - und, zu Neils Überraschung, Alessandros Talent zu fördern...

Obwohl auch dieser Dick Francis zweifelsohne ausgesprochen spannend und gut geschrieben ist, zählt er dennoch nicht zu meinen Favoriten. Dafür sind so manche Wendungen des Plots zu vorhersehbar, man kennt Dick Francis einfach zu gut, um zu erwarten, dass Neil Griffon es eventuell tatsächlich nicht schaffen könnte. Und da auch der Verursacher der Scherereien von Anfang an bekannt ist, fehlt auch die Spannung der Ungewissheit. Für einen Krimi sind damit für mich ein paar entscheidende Voraussetzungen nicht optimal erfüllt.

Was diesen Roman trotzdem sehr lesenswert macht, ist einerseits wieder einmal die ausgesprochen lebendige Schilderung des Rennstall-Milieus; ich war zwar nie ein Pferdenarr, aber was man hier darüber zu lesen bekommt, finde ich immer wieder faszinierend. Francis verzichtet darauf, sentimentale Pferdeträume zu schildern - wovon er spricht, ist knallhartes Geschäft. Da geht es nicht um weiche Nüstern und die Treue und Klugheit der Tiere, sondern darum, wie man bei welchem Rennen fit ist, nach welchen Taktiken ein Derby geritten wird, welche Geschäfte mit dran hängen - und dass man mit Dick Francis einen Autor hat, der das alles bis ins letzte Detail kennt, merkt man seinen Romanen an.

In *Knochenbruch* steht vor allem das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn im Mittelpunkt; zweimal werden wir mit diesem Thema konfrontiert, einmal bei Neil und einmal bei Alessandro. Doch während Neil ein typischer Francis-Held ist, der sich schon früh aus den emotionalen Abhängigkeiten befreien konnte und seine Zeit nicht damit zubrachte, über die schlechten Startvoraussetzungen zu jammern, die ihm seine Eltern geboten hätten, sonder sich selbst zu helfen, erkennt Alessandro das Gefängnis gar nicht richtig, in dem er steckt. Denn er weiß, er kann von seinem Vater alles haben - nur eines nicht, was er bis zur Begegnung mit Neil allerdings auch nicht vermisst hatte: ein freies, unabhängiges Leben.

Ich bin der Meinung, dass Dick Francis dann besser schreibt, wenn er sein Thema nicht so sehr in den Vordergrund rückt - aber dennoch: auch Knochenbruch sorgt garantiert für ein paar Stunden bester Unterhaltung.

Dick Francis

Dick Francis, geb. am 31.10.1920 als Richard Stanley Francis in Wales, war einst einer der bekanntesten Hockeys Englands, der auch für den Stall der Queen Mum antrat, bis 1956 ein Sturz seine Karriere beendete. "Scherben" war laut seiner eigenen Aussage sein letztes Buch, das er Königin Elisabeth, der Königinmutter, zum 100. Geburtstag gewidmet und erst auf ihre Bitte hin überhaupt noch geschrieben hatte. 2006 erschien dann aber ein weiterer Krimi, "Gambling / Under Orders", bereits in der Koautorschaft mit seinem Sohn Felix Francis. 3 weitere gemeinsame Romane folgten. Dick Francis verstarb am 14. Februar 2010 89jährig auf den Kaimaninseln, wo er zuletzt lebte, an Altersschwäche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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