Dick Francis - Gegenzug

Originaltitel: The Edge
Krimi. Diogenes 1992
392 Seiten, ISBN: 3257227108

Seit einiger Zeit schon war Tor als unsichtbarer Mann auf den Rennbahnen Englands zugange, um im Dienste des Jockey-Clubs Unregelmäßigkeiten aufdecken zu helfen. In letzter Zeit hatte es sich dabei immer häufiger um die Geschehnisse rund um J.A. Filmer gehandelt, der für den Tod eines Stallburschen verantwortlich gemacht und sogar vor Gericht gebracht wurde - aber leider waren im letzten Moment alle Zeugen abgesprungen und Filmer frei ausgegangen. Doch sein angekratzter Ruf werde dem Rennsport noch teuer zu stehen kommen, hatte er gedroht - und er war kein Mann leerer Drohungen.

Als er sich daher mit viel Geld einen Platz im Sonderzug besorgt, der vom kanadischen Rennverein durch das ganze Land geführt wird, versetzt er alle in Alarmbereitschaft. Schließlich soll hier ein Zug voll Rennpferdbesitzern, Trainern, Pferden und Rennsportbegeisterten an 10 Tagen durch ganz Kanada rollen - mit Pferderennen zwischendrin und einem exklusiven Rahmenprogramm. Zur Erheiterung der Gäste hat man vor, einen Krimi an Bord zu inszenieren - und keiner soll wissen, wer von den Gästen oder auch dem Personal denn nun echt wäre und wer nicht.

Keine leichte Aufgabe für Tor; schließlich hatte ein voreiliger Verantwortlicher in Kanada ihn schon namentlich angekündigt, was seine Deckung nicht gerade erleichterte. Aber ihm war ein Aufenthalt unter den Gästen von gleich zu gleich ohnehin zu riskant erschienen - nie könnte er sich so unbemerkt im ganzen Zug bewegen. Als Kellner hingegen würde nur seine Funktion, nicht aber er selbst wahrgenommen.

Gesagt, getan. Der Zug setzt sich in Bewegung - und rasch schon zeigt sich, dass das echte Drama dem gespielten Krimi den Rang abläuft. Ein Waggon wird während der Fahrt abgekoppelt, ein Achslager droht zu brechen - und mittendrin ein Kellner, der das Schlimmste zu verhindern sucht...

Einige Stunden perfekter Unterhaltung vor der Kulisse einer Zugfahrt quer durch Kanada sind mit diesem Buch garantiert - wie immer schafft der Autor es, innerhalb weniger Seiten schon das Interesse seines Lesers zu fesseln und den Spannungsbogen bis zuletzt aufrecht zu erhalten. Auch Tor alias Thommy ist ein typischer Dick Francis-Held: bescheiden in seinem Auftreten, dabei intelligent, mutig und reaktionsschnell. Tor hat es eigentlich nicht nötig, für Geld zu arbeiten; seine Familie hat ihm ein Vermögen hinterlassen, das er zu Lebzeiten wahrscheinlich nicht durchbringen kann. Aber im Gegensatz zu den Millionärskindern im Zug war Tor nicht mit dem Wissen aufgewachsen, mit Geld alle Probleme richten zu können.

Im Gegensatz zu vielen anderen Krimireihen, die von einsamen Ermittlern geprägt sind, zeichnet sich auch dieser Dick Francis dadurch aus, dass seine Helden nicht jammern. Wenn ihr Kühlschrank leer ist, dann ist er eben leer. Es ist eine Feststellung, kein Statussymbol eines Underdogs. Sie bewahren ihre Würde - und das macht die Bücher so lesenswert und spannend. Dazu kommt, dass der Autor gründlich recherchiert und dem Leser in jedem Krimi etwas Neues, Spannendes vermitteln kann - wie hier die Zugfahrt durch Kanada. Die Landschaft, durch die die Fahrt führt, entsteht vor dem Auge des Lesers, dazu erfährt man eine Menge über Züge, die Eisenbahngesellschaften, die Art der Energie- und Wasserversorgung - kurz, spannend und dabei auch noch informativ. Für diejenigen unter den Francis-Lesern, die von Pferden nicht so begeistert sind: der Fall spielt zwar im Rennsportmilieu, Pferde an sich spielen aber nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Selbst lesen und süchtig werden!

Dick Francis

Dick Francis, geb. am 31.10.1920 als Richard Stanley Francis in Wales, war einst einer der bekanntesten Hockeys Englands, der auch für den Stall der Queen Mum antrat, bis 1956 ein Sturz seine Karriere beendete. "Scherben" war laut seiner eigenen Aussage sein letztes Buch, das er Königin Elisabeth, der Königinmutter, zum 100. Geburtstag gewidmet und erst auf ihre Bitte hin überhaupt noch geschrieben hatte. 2006 erschien dann aber ein weiterer Krimi, "Gambling / Under Orders", bereits in der Koautorschaft mit seinem Sohn Felix Francis. 3 weitere gemeinsame Romane folgten. Dick Francis verstarb am 14. Februar 2010 89jährig auf den Kaimaninseln, wo er zuletzt lebte, an Altersschwäche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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