Dick Francis - Blindflug

Originaltitel: Flying Finish (dt. Erstausgabe unter dem Titel "Mord inbegriffen)
Krimi. Diogenes 2002
360 Seiten, ISBN: 3257225415

Ein Graf zu sein bedeutet, in einem zugigen Schloss zu wohnen, sich von der Mutter reiche Erbinnen vorstellen zu lassen (in der Hoffnung, dadurch die nötigen finanziellen Mittel für den Unterhalt des Schlosses aufbringen zu können), an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen - aber bestimmt nicht, Rennen zu reiten oder als Begleiter von Pferdetransporten um die Welt zu reisen.

Dabei hätte er, eben aufgrund seines Titels, diesen Job beinahe nicht erhalten - was war von einem schwächlichen Blaublüter schon zu erwarten? Dieser Meinung war auch Billy Watkins, mit dem gemeinsam er so manchen Transport durchzuführen hatte. An Aggression mangelte es Billy jedenfalls nicht, und wo auch immer er Henry schikanieren konnte, tat er es.

Aber trotz all der Unbilligkeiten, die die Zusammenarbeit mit Billy brachte, gab es auch noch andere Kleinigkeiten, die Henry stutzig machten. War es möglich, dass eine der Stuten immer wieder hin und her verfrachtet wurde? Oder gab es tatsächlich so viele unauffällige braune Stuten, die zwischen Frankreich und England transportiert werden mussten? Durch einen Charterflug mit Managern erhält Henry auch ein mögliches Motiv mitgeliefert: die staatliche Exportförderung, die auch auf Pferdeausfuhr bezahlt wurde.

Aber wie Henry bald am eigenen Leib zu spüren bekommen sollte, war das erst der Gipfel des Eisbergs, auf den er hier gestoßen war. Das wirkliche Geschäft war anderswo zu finden; und er weiß bereits zu viel...

Einer der ganz frühen Dick Francis - und für mich ohne Zweifel einer der besten, die ich bislang von diesem Autor gelesen habe. Knappe 300 Seiten, keine Längen, ein spannender, überzeugender Plot, und dazu die Attribute, die mich nach Dick Francis süchtig gemacht haben: gut erzählt, mit feinem Humor, und überzeugend auch in den Milieuschilderungen, die die Essenz seiner Bücher ausmachen.

Wenn Henry ein Flugzeug steuert - dann steuere ich als Leser es mit. Wenn er Pferde im Flugzeug verstaut, dann lese ich auch, wie das überhaupt gemacht wird, und welchen Grund das hat. Das ist langweilig? Nicht die Spur! Francis hält mir ja keinen Vortrag, er erzählt nur von etwas, von dem er wirklich etwas versteht. Dafür hat er genau den richtigen Ton gefunden: nicht belehrend, nicht langweilig - so, als würde man eben jemandem bei der Arbeit zusehen.

Dass ich seine Bücher lese, um etwas Neues zu lernen, würde ich dennoch nicht behaupten - auch wenn es ein angenehmer Nebeneffekt ist zu wissen, es mit einem Profi zu tun zu haben, der auch noch Informationen in seinen spannenden Plot zu verpacken. Nein, es ist die unprätentiöse Art, in der seine Protagonisten agieren, wie sie durch ihre Integrität in Angelegenheiten gezogen werden, mit denen man allgemein eher nichts zu tun haben will.

Dick Francis ist bei mir sowieso immer eine Empfehlung; dieses Buch hier aber möchte ich den Lesern ganz besonders ans Herz legen!

Dick Francis

Dick Francis, geb. am 31.10.1920 als Richard Stanley Francis in Wales, war einst einer der bekanntesten Hockeys Englands, der auch für den Stall der Queen Mum antrat, bis 1956 ein Sturz seine Karriere beendete. "Scherben" war laut seiner eigenen Aussage sein letztes Buch, das er Königin Elisabeth, der Königinmutter, zum 100. Geburtstag gewidmet und erst auf ihre Bitte hin überhaupt noch geschrieben hatte. 2006 erschien dann aber ein weiterer Krimi, "Gambling / Under Orders", bereits in der Koautorschaft mit seinem Sohn Felix Francis. 3 weitere gemeinsame Romane folgten. Dick Francis verstarb am 14. Februar 2010 89jährig auf den Kaimaninseln, wo er zuletzt lebte, an Altersschwäche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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