Dick Francis - Banker

Originaltitel: The Banker (dt. Erstausgabe unter dem Titel "Galopp in Gefahr"
Krimi. Diogenes 1982
360 Seiten, ISBN: 3257226012

Mit dem Namen "Ekaterin" in einer Bank zu arbeiten, die ebendiesen Namen trägt, und dazu noch der Neffe des Eigentümers zu sein, bedeutet, ständig scheel angesehen zu werden und sich Beförderungen doppelt so hart erarbeiten zu müssen.

Hart zu arbeiten fällt natürlich deutlich leichter, wenn man seinen Job gerne macht, und Tim war mit Leib und Seele Banker - so sehr er sich auch damals gesträubt hatte, diesen Job anzunehmen. Zu groß war der Einfluss seiner lebenslustigen Eltern, die ihr Leben lieber mit Pferderennen und ähnlichem Vergnügen verbrachten.

Der plötzliche Ausfall von Tim´s Vorgesetztem Gordon bringt ihn für kurze Zeit in eine Position, die ihn aufleben lässt wie einen frisch Verliebten. Die Entscheidungsbefugnis, die er plötzlich inne hat, berauscht ihn förmlich. Aber das ist erst der Anfang - denn offensichtlich hat er diese Vertretung sehr zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt. Seine Berufung in den Vorstand der Bank folgt. Und weil sein guter Riecher fürs richtige Geschäft auffällt, ist auch er es, der die Entscheidung über den Ankauf eines Zuchthengstes fällen soll.

Auch wenn Tim in seiner Kindheit und Jugend durch seine Eltern viel Zeit bei Pferderennen verbracht hat - die Kenntnisse, um den Ankauf wirklich beurteilen zu können, muss auch er sich erst aneignen. Der erste Eindruck, den er von dem betreffenden Hengst bei einem Rennen einige Zeit vorher gewonnen hatte, war jedenfalls überzeugend. Den Ausschlag gibt dann aber der Besuch auf dem Gestüt, auf das der Hengst gebracht werden soll: Oliver ist nicht nur ein knallharter Kalkulant, sondern hängt auch mit Leib und Seele an seinen Tieren.

Die Bank investiert. Und alles scheint nach Rechnung aufzugehen: die Nachfrage, von diesem preisgekrönten Hengst die Zuchtstuten decken zu lassen, ist enorm, der Hengst zeigt sich willig, fast alle Stuten tragen bald.

Aber ein Jahr später ist der Schreck um so größer: Fast alle Fohlen sind missgebildet. Ein Fall, der von der Versicherung nicht gedeckt ist. Und der diese Millioneninvestition zusammenbrechen lässt. Tims Interesse daran, die Katastrophe, die sich hier anbahnt, zu verhindern, ist nicht nur altruistisch: auch seine Reputation in der Bank hängt eng mit dem Erfolg dieses Zuchthengstes zusammen. Und als ein seltsames Kaufangebot auftaucht und der berühmte Tierheiler Calden Jackson damit prahlt, mit seinen Kräutermethoden den Hengst mit Sicherheit kurieren zu können, entdeckt Tim die erste kleine Unstimmigkeit. Es soll nicht die letzte gewesen sein...

Ja, auch in diesem Roman von Dick Francis geht es irgendwann primär um Pferde. Aber was diesmal speziell durchleuchtet wird, ist der finanzielle Aspekt in der Haltung von Rennpferden: wie finanziert man einen Zuchthengst? Was passiert da wirtschaftlich, wenn die Pferde Rennen gewinnen? Wer macht das Geschäft - und wie?

Dass hier in großem Ausmaß von Finanzierungsproblemen, Kreditgewährung und Verschicherungspolizzen die Rede ist, macht den Krimi nur noch reizvoller.

Auch wenn die Helden dieser Krimis eigentlich immer alleinstehend sind - die Neigung zum schwachen Geschlecht ist durchaus vorhanden. Und ebenso verboten, schließlich betrifft es in Tim´s Fall ausgerechnet die Frau seines Vorgesetzten Gordon.

Dieses Spiel mit dem Feuer, das Wissen um die gegenseitige Zuneigung, lässt ein wenig den moralischen Zeigefinger erkennen - bei Dick Francis gibt es noch so etwas wie Entsagung.

Alles in allem: unspektakuläre, aber gerade deshalb höchst lohnenswerte Lektüre, die man nicht so schnell aus der Hand legt.

Dick Francis

Dick Francis, geb. am 31.10.1920 als Richard Stanley Francis in Wales, war einst einer der bekanntesten Hockeys Englands, der auch für den Stall der Queen Mum antrat, bis 1956 ein Sturz seine Karriere beendete. "Scherben" war laut seiner eigenen Aussage sein letztes Buch, das er Königin Elisabeth, der Königinmutter, zum 100. Geburtstag gewidmet und erst auf ihre Bitte hin überhaupt noch geschrieben hatte. 2006 erschien dann aber ein weiterer Krimi, "Gambling / Under Orders", bereits in der Koautorschaft mit seinem Sohn Felix Francis. 3 weitere gemeinsame Romane folgten. Dick Francis verstarb am 14. Februar 2010 89jährig auf den Kaimaninseln, wo er zuletzt lebte, an Altersschwäche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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