Dick Francis - Außenseiter

Originaltitel: Longshot
Krimi. Diogenes 1991
397 Seiten, ISBN: 3257225997

Unter normalen Umständen hätte John Kendall den Auftrag, die Biographie eines Rennpferdtrainers zu schreiben, nicht angenommen. Doch Hunger beeinflusst so manche Entscheidung enorm; und als dann auch noch seine Unterkunft einfriert, kommt ihm ein Job mit Kost und Logis gerade recht.

Zwei Jahre hatte John Kendall sich selbst zugestanden um herauszufinden, ob er wirklich Schriftsteller werden konnte. Zwar gab es auch in seinem vorherigen Leben schon Buchveröffentlichungen; seine Überlebensratgeber waren sehr gefragt. Doch er wollte Belletristik schreiben. Sogar einen Verlag hatte er bereits gefunden, einen Vorschuss erhalten - aber der Betrag würde nicht bis zur nächsten Zahlung reichen.

Trotz des nicht sehr positiven ersten Eindrucks von Tremayne Vickers geht er also auf dessen Vorschlag ein. Und erhält auch sofort die Gelegenheit, seine früheren Erfahrungen im Überlebenstraining einzusetzen: Ein Autounfall im eisigen Januar hat schon häufiger Erfrierungsopfer gefordert.

Nach diesen Anfangsschwierigkeiten scheint er es jedoch an seiner neuen Arbeitsstätte besser erwischt zu haben, als zu erwarten war: Tremayne Vickers entpuppt sich als interessanter, zugänglicher Trainer, sein 15jähriger Sohn Gareth als aufgeschlossener Jugendlicher; die Schwiegertochter Mackie hatte er ja schon beim Autounfall kennengelernt, nur ihr Mann Perkin ist etwas reserviert - auf keinen Fall wünscht er eine zu tiefe Vertraulichkeit zwischen seiner Frau und dem Neuankömmling.

Während John für die Biographie recherchiert, erfährt er nach und nach auch, was denn der Grund für die Spannungen an seinem Ankunftsabend waren. Eine Party hatte ein sehr unschönes Ende gefunden; wutentbrannt hatte einer von Tremaynes Jockeys, Nolan, eine Frau geschüttelt - und sie dabei erwürgt. Vor Gericht war er mit einem blauen Auge und einer Bewährungsstrafe davongekommen, doch die Streiterei, ob ihm von seinen Freunden wirklich die benötigte Unterstützung zuteil geworden sei, hatte die kleine Gemeinschaft schon sehr belastet.

Doch nun waren alle Widrigkeiten vorbei - dachte man zumindest. Bis die Knochen eines Stallmädchens gefunden werden, das während dieses Sommers plötzlich verschwunden war - abgehauen, wie man dachte…

Dies ist einer der besten Krimis von Dick Francis, die ich bislang gelesen habe. Denn er schreibt hier über gleich zwei Dinge, die ihn selbst betreffen: über Pferde und übers Schreiben. Zudem ist ihm mit John Kendall eine Figur gelungen, die sich nicht nur im Buch selbst rasch Freunde schafft - auch der Leser lässt sich gerne von der bescheiden-freundlich-intelligenten Ausstrahlung des jungen Mannes einnehmen und hofft und zweifelt mit ihm mit, ob er jemals in der Lage sein könnte, wirklich zu schreiben, und von seiner Schriftstellerei zu leben.

Der typische britische Humor kommt dabei natürlich auch nicht zu kurz: herrlich ist zum Beispiel die Szene, wo John Kendall und eine bekannte Literaturkritikerin (und Schriftstellerin) aufeinander losgelassen werden; sie ist bekannt dafür, kein gutes Haar an den meisten Schreiberlingen zu lassen. Und so sieht der entsprechende Schlagabtausch zwischen diesen beiden dann auch aus - zur Freude des Lesers.

"Sie sind kein ernsthafter Schriftsteller." Eine schwere Anschuldigung. Ihre schärfste.
"Ich schreibe, um die Leute zu unterhalten", sagte ich.


Das erwidert John Kendall im Buch - doch es könnte auch ein Bekenntnis des Autors sein. Und: mit diesem Buch ist es ihm hervorragend gelungen!

Dick Francis

Dick Francis, geb. am 31.10.1920 als Richard Stanley Francis in Wales, war einst einer der bekanntesten Hockeys Englands, der auch für den Stall der Queen Mum antrat, bis 1956 ein Sturz seine Karriere beendete. "Scherben" war laut seiner eigenen Aussage sein letztes Buch, das er Königin Elisabeth, der Königinmutter, zum 100. Geburtstag gewidmet und erst auf ihre Bitte hin überhaupt noch geschrieben hatte. 2006 erschien dann aber ein weiterer Krimi, "Gambling / Under Orders", bereits in der Koautorschaft mit seinem Sohn Felix Francis. 3 weitere gemeinsame Romane folgten. Dick Francis verstarb am 14. Februar 2010 89jährig auf den Kaimaninseln, wo er zuletzt lebte, an Altersschwäche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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