Janet Frame - Ein Engel an meiner Tafel

Originaltitel: "To the Is-Land", "An Angel At My Table", "The Envoy from Mirror City"
Roman. Piper Verlag 2006
582 Seiten, ISBN: 3492222811

Janet Frame zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Neuseelands; in ihrer dreiteiligen Autobiographie "Zu den Inseln", Ein Engel an meiner Tafel" und "Der Gesandte aus der Spiegelstadt" beschreibt sie ihre Kindheit, ihre Zeit in verschiedenen psychiatrischen Anstalten und schließlich ihren Durchbruch als Schriftstellerin.

Aufgewachsen ist sie als Kind einer Eisenbahnerfamilie in Oamaru auf der Südinsel Neuseelands. Ihre Familie musste immer knausern, konnte mit dem schmalen Einkommen des Vaters keine großen Sprünge machen. Trotzdem empfindet Janet diese Zeit als sicheren Ort; als die Zeit, in der sie mit ihren Schwestern wetteifert, wer die schönsten Gedichte schreibt, diese bei Wettbewerben einreicht; geduldet von der Mutter, die in Gedichten ihren größten Schatz, ihre heimliche Zuflucht sieht. Auch in der Schule ist sie bekannt als das Mädchen mit Phantasie; etwas, was sie, die ohnehin hochgradig schüchtern ist, einerseits mit tiefer Verlegenheit, aber auch mit Stolz erfüllt.

Von Schicksalsschlägen bleibt die Familie nicht verschont. Ihr Bruder leidet an Epilepsie, eine Krankheit, die man zu dieser Zeit nicht richtig einordnen konnte. Trotz unzähliger Therapieversuche gibt es keine Heilung. Aber was Janet viel stärker trifft ist der Ertrinkungstod ihrer älteren Schwester Myrtle, der lebendigen, lebensfrohen. Wieder sind es die Dichter, die Janet über den Verlust hinweghelfen; hier findet sie die Gefühle beschrieben, die sie durchströmen.

Unter großen Opfern wird es ihr ermöglicht, zu studieren - sie geht nach Dunedin. Diese Stadt, deutlich größer als Oamaru, versetzt sie in Schrecken; sie, die Schüchterne, findet hier kaum Anschluss. Trotzdem genießt sie die Möglichkeiten, hier lernen zu können, "wir" sagen zu können, auch wenn sie sich nicht zugehörig fühlt. Im nächsten Jahr folgt ihre jüngere Schwester dem Beispiel; aber diese ist, im Gegensatz zu Janet, lebhaft und kontaktfreudig. Und wieder schlägt das Schicksal zu: auch diese Schwester ertrinkt.

Janet, nun noch mehr alleine, unternimmt einen Selbstmordversuch, schreibt dies auch in einer Übung, die sie im Studium als Hausarbeit bekommen. Darauf folgt sehr rasch die erste Einweisung in eine Klinik - und, als sie sich weigert, zu ihrer Mutter nach Hause zu fahren, die Überstellung in eine Anstalt und der Stempel "Schizophrenie". Acht lange Jahre verbringt sie großteils in immer wieder wechselnden Anstalten; Ärzte bekommt sie dabei nie zu sehen, Untersuchungen werden ebenfalls nicht vorgenommen. Dafür Medikamente, und Elektroschocks. Aber in dieser Zeit erscheint auch ihr erstes Buch "Wenn Eulen schrein". Und das rettet sie schlussendlich auch vor einer Lobotomie, da dadurch endlich ein Arzt auf sie aufmerksam wird.

Und ihre Arbeit hat in einschlägigen Kreisen ihren Namen bekannt gemacht. In Auckland bietet ihr Frank Sargeson ein Heim, einen Platz, zum zu schreiben. Und er ist es auch, der sich dann darum kümmert, dass sie ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt erhält, um einerseits Erfahrungen zu sammeln - aber auch, um der immer wieder drohenden Einweisung in eine Anstalt zu entgehen.

Sieben Jahre verbringt sie im Ausland. Erst in London, danach ein Jahr auf Ibiza und Andorra. Hier erlebt sie als zweiunddreißigjährige Frau erstmals die Liebe, wird schwanger, verliert das Kind, wird beinahe verheiratet - und erkennt, dass sie es schon wieder zulässt, dass andere ihr Leben bestimmen. Sie flieht wieder zurück nach London, und hier erhält sie endlich die nötige Unterstützung, erfährt, dass das Urteil der Schizophrenie immer schon falsch war. Ihre aktuellen Schwierigkeiten resultieren nicht aus einer Krankheit, sondern aus den langen Anstaltsaufenthalten; und, ermutigt, beginnt sie darüber zu schreiben.

Und ihr Schreiben trägt endlich Früchte. Auch in England und Amerika erscheinen ihre Bücher jetzt; bis für sie der Zeitpunkt gekommen ist, zurückzukehren. Zurück in das Land, das ihr trotz allem immer noch am Vertrautesten ist, dessen Flüsse und Berge sie liebt - und über das sie weiterhin schreiben will.

Zu behaupten, man hätte bei dieser Autobiographie ein spannendes oder fesselndes Buch gefunden, wäre wahrscheinlich etwas übertrieben. Aber dann geht man auch mit der falschen Erwartungshaltung an die Lektüre dieses Buches heran.

Was es bietet, ist der ungeheuer sensible Einblick in ein fremdes Leben. Einerseits zeigt es als Hintergrund des persönlichen Schicksals der Familie Frame einen sehr bereichernden Abriss über diese Zeit in Neuseeland, aber es zeigt auch die Entwicklung eines Menschen, einer ganzen Familie, in die unterschiedlichsten Richtungen.

Dass man von ihrem Schicksal in den Kliniken betroffen ist, kann man gar nicht verhindern; obwohl die Schilderung sehr sachlich ist, ihre Erfahrungen nicht gerade in epischer Breite ausgewalzt werden, kann man sich gerade durch diese Weglassungen vorstellen, was sie dabei durchlitten hat. Ihre schon schmerzhafte Schüchternheit tritt durch diese Seiten so plastisch zutage - ja, man hat hier wirklich das Gefühl, einen Menschen kennen zu lernen.

Wer Interesse hat an Neuseeland, am Leben einer Schriftstellerin, an ihrer Arbeit, ihren Gedanken - dem kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.

Janet Frame

Janet Frame, 1924 in Dunedin / Neuseeland geboren, ist Autorin zahlreicher preisgekrönter Romane. Sie gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern Neuseelands.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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