Paula Fox - In fremden Kleidern

Originaltitel: Borrowed Finery - A Memoir
Roman. CH Beck Verlag 2003
387 Seiten, ISBN: 3406502717

"Geschichte einer Jugend" ist dieses Buch untertitelt - Paula Fox erzählt von ihrer Kindheit, ihrer Jugend. Und das ist eine Geschichte, die man in Romanform nicht bringen kann, weil man sich als Autor fortwährend den Vorwurf gefallen lassen müsste, zu stark übertrieben zu haben.

Schon eine Woche nach ihrer Geburt wurde Paula von ihren Eltern in ein Waisenhaus gebracht - auf Wunsch der Mutter, die den Vater völlig hysterisch vor die Wahl zwischen sich und dem Säugling gestellt hatte. Die Großmutter mütterlicherseits war zu dieser Zeit in Kuba, schaffte es aber immerhin, das Baby zu Freunden von Freunden bringen zu lassen, die es großherzig aufnahmen.

Aber in Zeiten der wirtschaftlichen Krise war auch ein kleines Kind ein Esser mehr; als sich der Gemeindepfarrer anbietet, Paula zu sich zu nehmen, wird das gerne angenommen. Onkel Elwood nennt sie ihn; in seinem stillen Haushalt erlebt sie die friedlichsten, glücklichsten Jahre ihrer Kindheit.

Lange Zeiten der Stille waren ihr aber nicht vergönnt. Immer wieder tauchten die Eltern aus dem Nichts aus, holten sie zu sich - um sie dann doch wenige Tage danach zu irgendjemanden abzuschieben, der sich weiter um sie kümmern konnte. Elsie, Paulas Mutter, konnte es nicht ertragen, das Kind in ihrer Nähe zu sehen.

So lebt Paula mal mit ihrer Großmutter auf Kuba, dann in New York, in Kalifornien, Florida, besucht in Montreal ein Internat - nie lange genug, um Wurzeln zu schlagen, Sicherheit entwickeln zu können.

Mit 21 wird sie selbst Mutter einer Tochter - und gibt sie zur Adoption frei.

Wie kann sie nur, fragt man sich vielleicht nach diesem kurzen Abriss der Geschehnisse ihrer Kindheit - wie kann sie ihr Kind, nach allem, was sie selbst an Verstoßung erlebt hat, weggeben?

Wenn man beim Lesen dieses Buches an der Stelle angelangt ist, wo sie diese Entscheidung trifft, dann stellt sich die Frage nach dem Warum nicht mehr. Gerade weil Paula Fox so unsentimental und nüchtern von ihrer Kindheit erzählt, weil sie nicht auf die Tränendrüse drückt und um Mitleid ersucht, trifft die Geschichte mit voller Wucht.

Im Großen und Ganzen erzählt Paula Fox linear die Stationen nach; einzelne Erinnerungen sind aneinander gereiht, manchmal ist es nur ein kurzer Eindruck, der sich ins Gedächtnis gebrannt hat. Dem Leser wird keine Begründung geliefert, warum sich plötzlich wieder Änderungen ergeben, woher der Vater plötzlich kommt, warum Paula von einem Ort zum nächsten verfrachtet wird. So, wie es ihr als kleines Kind wohl auch unbegreiflich war, erlebt man auch als Leser die Willkür der Entscheidungen der Erwachsenen.

Mit zunehmendem Alter und Begreifen wird auch dem Leser mehr vom Leben der Eltern übermittelt, sind die Wechsel nicht mehr ganz so unvermittelt.

Vieles aus diesen Erinnerungen hat sie in ihrem Roman "Die kalifornischen Jahre" verarbeitet, einige Szenen kaum verfremdet für die Fiktion. Aber für mich war es ein großer Unterschied, das als Roman zu lesen oder als persönliche Lebensgeschichte; im Roman war mir vor allem die Erzählweise, das spröde, unreflektierte Berichten, die lose Verknüpfung so vieler Szenen, Männer, Geschichten, negativ in Erinnerung geblieben. Allerdings ist dieser Roman auch fast 30 Jahre alt; ihre Lebenserinnerungen hat sie erst vor 1999 Jahren in den USA veröffentlicht.

Paula Fox hat mit diesem Buch für mich auch bewiesen, dass sie nicht nur in der Romanform eine großartige Erzählerin ist; sie wirft dem Leser nicht fortwährend nur Namen von Menschen vor, die einmal wichtig waren, bei ihr werden diese Namen mit Leben gefüllt, und die stringente Erzählweise ist dem anhaltenden Interesse sehr zuträglich.

Ein Buch, das mir sehr viel Respekt vor der menschlichen Stärke der Autorin abgenötigt hat; bei aller inneren Beteiligung wahrt sie einen möglichst sachlichen Zugang, verurteilt nicht, sondern überlässt es dem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen; kurz: eine Empfehlung!

Paula Fox

Paula Fox wurde 1923 in New York City geboren, wo sie noch heute lebt. Von ihr sind sechs Romane und zahlreiche Kinderbücher erschienen. Für das Gesamtwerk ihrer Kinderbücher wurde sie 1978 mit dem Hans- Christian- Andersen-Preis ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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