Ford Madox Ford - Die allertraurigste Geschichte

Originaltitel: The Saddest Story
Roman. Diogenes 2000
272 Seiten, ISBN: 3257205325

Für den Erzähler war es ein absoluter Glücksfall, dass er und seine Frau Florence beim jährlichen Kuraufenthalt in Bad Nauheim die Ashburnhams kennen lernten. Edward, der ebenso wie Florence unter einem schwachen Herzen litt, war durch und durch Gentleman, erzählte keine schlüpfrigen Geschichten, setzte sich in selbstverständlicher Weise für die Benachteiligten ein - und hatte eine Schwäche für schöne Frauen, aber das sollte der Erzähler erst erfahren, als sowohl Florence als auch Edward bereits tot waren.

Stück für Stück kam danach ans Licht, wie seine ach so leidende Frau ihn seit vielen Jahren betrogen hatte, alle davon wussten und nur ein Ziel hatten: ihm dieses Wissen zu ersparen...

Als das Buch vor ein paar Jahren wieder aufgelegt wurde, gab es enthusiastische Stimmen, die es ob seines wunderbaren Aufbaus, der Sprache, der Idee lobten - von all dem ist sicher etwas zu finden, aber mich persönlich hat das Buch nicht wirklich angesprochen.

Ich habe mich im Gegenteil durch weite Strecken hindurchgequält; der Erzähler, der als gutgläubiger, gefühlsarmer Mensch dargestellt wird, war mir so körperlich zuwider, dass mir das Lesevergnügen von vornherein ziemlich vergällt war. Ich konnte an seinen Beobachtungen keine Ironie finden, mir erschien daran vieles einfach als dumm - unter anderem die Kommentare zu Anhängern der katholischen Kirche, die allerdings unter dem Licht der Biographie des Autors betrachtet zumindest verständlich sind.

Nein, auch wenn die Begeisterungsstürme anderer noch so groß werden mögen zu diesem Buch: ich konnte mich nicht wirklich reinfinden, hatte kaum Vergnügen beim Lesen und kann Interessierten nur raten, erst ein paar Seiten in der Buchhandlung anzulesen. Noch kurz ein Beispielsatz, der für mich das Grundthema der Geschichte ganz gut verdeutlicht: "Über die Frage des Geschlechtstriebs weiß ich sehr wenig, und ich glaube nicht, dass er in einer wirklich großen Leidenschaft eine wesentliche Rolle spielt." (S. 117)

Ford Madox Ford

Ford Madox Ford wurde am 17. Dezember 1873 unter dem Namen Ford Hermann Hueffer in Merton, Surrey, geboren. Schriftsteller wurde er eher wider Willen, ihm schwebte eine Karriere in der indischen Zivilverwaltung oder in der Armee vor. Er war mit den berühmtesten Schriftstellern seiner Zeit (Ezra Pound, Joseph Conrad, D.H. Lawrence und viele andere) befreundet. Ab 1908 begann er "The English Review" herauszugeben, die aber bereits 1909 aufgrund finanzieller Schwierigkeiten in andere Hände überging. Ford war mit einer Katholikin verheiratet; eine Scheidung war daher nicht möglich, auch dann nicht, als er sich in die Romanautorin Violet Hunt verliebte und mit ihre daraufhin eine Scheinehe einging, die einen großen Skandal verursachte. Dieser führte dazu, dass ihm untersagt wurde, seine Kinder zu sehen. Nach dem 1. Weltkrieg war er vergessen; vom ende der zwanziger Jahre bis zu seinem Tod lebte er hauptsächlich in Paris (nun verheiratet mit Stella Bowen, mit der er eine Tochter hatte, Juliet) und längeren Abstechern in Amerika. Er starb am 26. Juni 1939 in Deauville

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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