Gustave Flaubert - Madame Bovary

Originaltitel: Madame Bovary
Roman. Diogenes 1857
452 Seiten, ISBN: 3257207212

Charles Bovary einen Mann mit Esprit, Humor und Weltgewandtheit zu nennen, ist gewiss ein Euphemismus. Seine Qualitäten liegen auf anderen Gebieten; er ist ein solider, geachteter Arzt in der dörflichen Gegend, in der er praktiziert, mit seinem Leben zufrieden - und vor allem: voll tiefer Liebe und Bewunderung zu seiner zarten Frau Emma.

Dies ist bereits seine zweite Ehe; die erste, noch von den Eltern vermittelte zu einer ältlichen Witwe endete für ihn glücklicherweise mit ihrem Tod.

Emma hatte er kurz zuvor bei einem Patientenbesuch kennen gelernt; ein reizendes junges Mädchen, anders als die Frauen, die ihm bislang begegnet waren.

Nach der Hochzeitsreise wartet Emma immer noch darauf, dass irgendwann endlich dieses Gefühl sich einstellen möge, von dem sie in der Klosterschule so viel gelesen hatte, nach dem sie sich verzehrt: die Leidenschaft. Doch Charles vermag diese nicht in ihr zu wecken. Daran ändert auch ein Umzug in ein anderes Dorf nichts; denn auch dort bleibt ihr die soziale Anregung verwehrt, derer sie so dringend bedarf.

Der einzige Mensch, der ihre Leidenschaft für Romane, das Empfindsame, teilt, ist der Notarsgehilfe Léon. Doch ach, sie weiß ja - sie muss ihm entsagen. Leon, ebenso unglücklich verliebt, nutzt die Gelegenheit, seine Studien in Paris fortzusetzen.

Emmas Kompensation der inneren Leere besteht in Einkäufen, im Ausschmücken ihres Hauses, edlen Stoffen für ihre Kleidung.

Dann lernt sie einen benachbarten Gutsherrn kennen, Rodolphe, dem die aparte Frau des Gemeindearztes nicht schlecht gefällt. Seiner Geliebten ohnehin überdrüssig, umwirbt er Emma Bovary. Ihre Festung ist rasch erstürmt, nur zu rasch erliegt sie seinen feurigen Liebesbeteuerungen. Jetzt, endlich, hat ihr Leben einen Sinn bekommen, hat sich die Leidenschaft in ihr Leben geschlichen. Das zunehmende Gefühl der Lauheit versucht sie durch immer feurigere Beteuerungen ihrer Zuneigung zu übertönen; zuletzt beschließt sie, sie beide müssten durchbrennen, gemeinsam ein neues Leben anfangen. Doch anstelle ihres Geliebten mit der Kutsche erwartet sie nur ein Abschiedsbrief.

Ein Nervenfieber rafft die Getrogene daraufhin nieder. Nur langsam schreitet ihre Genesung voran; eigentlich ist sie des Lebens überdrüssig. Wie sonst ist es zu erklären, dass sie, die sonst sofort Feuer und Flamme für den Vorschlag gewesen wäre, nach Rouen in die Oper zu gehen, davon erst mühsam überzeugt werden muss.

In Rouen begegnet das Ehepaar Bovary dann zufällig einem alten Bekannten - der ehemalige Notarsgehilfe Léon arbeitet nun hier! Welche Überraschung! Charles, der am nächsten Morgen schon wieder zurück muss, aber seiner so sehr geliebten Frau noch ein wenig mehr Freude bereiten will, überlässt Emma Léons Obhut. Dieser ist mittlerweile im Umgang mit Frauen etwas sicherer geworden; nun wagt er, was er vor ein paar Jahren nicht zu träumen gewagt hatte - und hat Erfolg damit.

Wieviel mehr Glück muss es nun bedeuten, Léon zu lieben, den sie doch ganz eigentlich schon viel länger liebte als Rodolphe; sie erfindet unzählige Vorwände, nach Rouen zu reisen, überschüttet ihren Léon mit Geschenken. Die Tatsache, dass sie schon lange weit über ihre Verhältnisse lebt, schiebt sie immer wieder weit von sich weg; zu lange schon schwebt dieses Gespenst über ihr, und hatte sie nicht bisher immer wieder von Monsieur Lheureux Aufschub erhalten, immer neue Wechsel unterschrieben.

Bis er eines Tages vor der Tür steht, und ihr die Rechnung präsentiert....

Unglaublich. Wenn man bedenkt, wie viele der heute geschriebenen Bücher bereits 5 Jahre später als Anachronismus anmuten - und dann das vor 150 Jahren erschienene Werk Flauberts liest, dass immer noch an Aktualität nichts, aber auch gar nichts, eingebüßt hat - dann kann man wirklich nur den Hut vor diesem Autoren ziehen.

Emmas Suche nach einem Sinn in ihrem Leben, ihren Ausbruchsversuchen, der Kompensation mit billigen Ersatzhandlungen wie Liebesaffären, Kaufrausch - wer würde bestreiten, dass diese Thematik auch heute noch genauso die Köpfe beschäftigt wie damals?

Hier die einzelnen Personen zu analysieren würde zu weit führen; es sei nur noch erwähnt, dass auch die Ironie nicht zu kurz kommt. Herrlich, die Szene, als Rodolphe bei der Landwirtschaftsversammlung, während der großen Medaillenverleihung, Emma den Hof macht; alleine schon für diese Szene lohnt es sich, das Buch zu lesen.

"Madame Bovary" hat einen bleibenden Platz bei den Büchern, die mir etwas Besonderes vermitteln konnten!

Gustave Flaubert

Gustave Flaubert wurde am 12.12.1821 in Rouen geboren. Sein Vater war Chriurg. Flaubert wuchs ohne Zuneigung auf, da er ein ungewolltes Kind war. Er galt in der Familie als dumm und zurückgeblieben. Auf Drängen des Vaters nahm er in Paris das Jurastudium auf, folgte aber gleichzeitig seinen literarischen Neigungen. Wegen des Ausbruchs einer Nervenkrise brach er 1844 seine erfolglosen Studien ab. Es folgten Reisen nach Korsika, Italien, Griechenland, dem Orient und Nordafrika. Seit 1864 lebte er in selbstgewollter Isolation in Croisset, wo er am 8.5.1880 starb.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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