Joe Fiorito - Die Stimmen meines Vaters

Originaltitel: The Closer We Are to Dying
Roman. Alexander Fest 2000
370 Seiten, ISBN: 3828601162

Der Anruf seiner Mutter kommt für Joe nicht wirklich überraschend - er weiß schon länger, dass es seinem Vater gesundheitlich nicht besonders gut geht. Doch nun geht es auf das Ende zu.

Joe übernimmt die Nachtwachen am Krankenbett seines Vaters. Er will die alten Geschichten noch einmal hören, die sein Vater ihm früher immer erzählt hatte, will noch einmal von den Ursprüngen seiner Familie hören.

Joes Großvater war Ende des 19. Jahrhunderts aus einem kleinen Dorf in Italien nach Kanada ausgewandert. Dessen Schwager hatte im Affekt einen Mann erschossen, und wollte vor den Konsequenzen fliehen.

In Kanada gelten zu dieser Zeit die Italiener noch weniger als die Iren; diese sprechen immerhin noch die Sprache dieses Landes.

Joes Eltern sind ebenfalls arm, aber eines hat sein Vater immer: genug Geld, um bei seinen Auftritten am Wochenende gepflegt auszusehen. Den Lebensunterhalt verdient er als Briefträger, aber am Wochenende spielt er in Bars, und wenn er genug Whiskey getrunken hat, fängt er auch an zu singen.

Er ist meist schon zu schwach, die Geschichten erzählen zu können - doch Joe hat sie an jenen Abenden, wenn sein Vater von den Auftritten nach Hause kam, oft genug, und fast immer im selben Wortlaut, gehört - oft genügt ihm schon eine Geste, ein Stichwort, um die alten Geschehnisse vor seinem inneren Auge wieder entstehen zu lassen....

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist nicht neu - gerade in der letzten Zeit war Frank McCourt mit seiner Geschichte des Jungen, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, zu nicht geringer Berühmtheit gelangt.

Was hier erzählt wird, ist ähnlich - nur sind hier Italiener nach Kanada gezogen, und hatten mit Vorurteilen, Armut, Schicksalsschlägen und dem Alkohol zu kämpfen. Was aber nicht zu kurz kommt, ist auch hier der Humor.

Dieser Roman ist eine Form, die Vergangenheit lebendig zu halten und sich gleichzeitig von einem geliebten Menschen zu verabschieden - schön, ohne kitschig zu werden, anrührend, ohne ins sentimentale abzurutschen. Sehr empfehlenswert!

Joe Fiorito

Joe Fiorito, als Enkel italienischer Einwanderer im kanadischen Thunder Bay geboren, lebt in Toronto. Seine journalistischen Arbeiten genießen in Kanada Kultstatus und wurden zu zwei Büchern zusammengefaßt, "Comfort Me With Apples" und "Tango on the Main". Die Stimmen meines Vaters ist sein literarisches Debüt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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