Anne Fine - Zuviel des Guten

Originaltitel: All Bones and Lies
Roman. Diogenes 2002
315 Seiten, ISBN: 3257063091

In seinem Beruf mag Colin ja durchaus ganz erfolgreich sein; aber als tatkräftigen, energischen jungen Mann würde ihn wohl kaum jemand bezeichnen. Schon gar nicht seine Mutter, die er regelmäßig besucht, für sie einkaufen geht, Kleinigkeiten erledigt - und doch immer nur Nörgeleien zu hören bekommt. Recht geschieht dir, ist der einzige Kommentar seiner Zwillingsschwester zu diesem Thema; sie hatte schließlich schon vor längerer Zeit beschlossen, dass sie sich die Gemeinheiten der alten Dame nicht mehr anhören muss. Und somit Colin mit der Sorge alleine gelassen.

Denn Sorgen macht er sich um sie: war sie bislang noch in der Lage gewesen, alle Geschäftsangelegenheiten selbständig zu regeln, scheint ihr die nötige Klarsicht dafür in der letzten Zeit abhanden gekommen zu sein. Wie sonst könnte man sich erklären, dass sie nicht einsah, das Falschauskünfte auf einem Fragebogen der Versicherung sie den Versicherungsschutz kosten konnten? Jeder Versuch, ihr das zu erklären, war sinnlos; ihm wurde doch nur vorgeworfen, dass er sich auf ihre Kosten bereichern wolle.

Irgendwie schien alles über seinem Kopf zusammenzuschlagen; seine Mutter, seine Schwester mit ihren wechselnden Freundschaften, sein Job, ein Anrufer, der offensichtlich (und aus unerfindlichem Grund) stinkwütend auf ihn war; und auch seine Besuche bei Melinda und ihrer Tochter Tammy geraten langsam in ein seltsames Fahrwasser. Ursprünglich war er nur bei Melinda vorbeigekommen, um sich das Baby anzusehen, das seine Schwester gerettet hatte. Aber jetzt galt er wohl als jemand, bei dem man das Kind dann auch durchaus mal für ein paar Stunden abladen konnte.

Und je länger er sich mit dieser Kleinen beschäftigt, umso mehr weiß er auch, was er wirklich will: sich um ein Kind, eine Familie kümmern, für sie zu sorgen - ausgerechnet er! Schon der Gedanke daran, er könnte eine Freundin haben, löst im Freundeskreis seiner Schwester schallendes Gelächter aus.

Aber irgendwie schafft Colin es dann doch, das ganze Chaos, das er unentwegt anrichtet, auch zu ordnen - und langsam, ganz allmählich, erwachsen zu werden...

Eines vorweg: der Klappentext zu diesem Buch ist so irreführend, dass es einem den ganzen Spaß verderben kann, das Buch zu lesen. Wenn es noch irgendwie möglich ist: einfach überblättern und sofort zu lesen beginnen!

Colin, dieser stets hilfsbereite, so wenig durchsetzungsfähige Typ, kann einem beim Lesen schon gehörig auf die Nerven gehen. Nicht nur an einer Stelle war ich in Versuchung, ihn mal schnell durchzuschütteln, zu ein wenig mehr Aktion, ein wenig Widerspruch zu drängen.

Und dann kommt es: dieser langsame, auf die unnachahmliche Anne-Fine-Weise beschriebene Erwachsenwerden des Mannes, der es vom Alter her schon lange sein sollte. Eigentlich passiert es per Zufall; eine kleine Bemerkung nur ist es, die ihm zeigt, wie anders ihm die Menschen auch begegnen können.

Einerseits sind zwar so manche Beschreibungen in diesem Text etwas old-fashioned, lassen vermuten, dass der Text schon wesentlich früher verfasst wurde. Aber dann schafft sie es doch wieder, mit so genauen Beobachtungen zu verblüffen, was die Erwartungshaltung innerhalb von Familien angeht, die Rollen, die man übernimmt und nicht mehr los wird, dass man den Roman schlussendlich mit dem gewohnt zufriedenen Gefühl aus der Hand legt.

Anne Fine

Anne Fine wurde1947 in Leicester, England, geboren. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft und lebte in Kanada und den Vereinigten Staaten. Heute wohnt sie in Durham, England.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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