Anne Fine - Schwesternliebe

Originaltitel: Telling Liddy
Roman. Diogenes 1998
249 Seiten, ISBN: 3257061803

Bridie kann es einfach nicht fassen. Da weiß ihre Schwester Stella nun schon seit drei Monaten ein schlimmes Gerücht über den neuen Freund der Schwester Liddy - und erzählt ihr erst jetzt davon! Angeblich hat dieser Mann in seiner früheren Heimat ein Verfahren wegen Kindesmissbrauch hinter sich; eine Tatsache, findet Bridie, die Liddy mit ihren zwei Kindern wissen sollte.

Dieser Meinung sind die beiden Schwestern auch - irgendwie. Aber da kein Grund zur Annahme besteht, er würde es auch bei Liddys Kindern versuchen, und er bei diesem Prozess freigesprochen wurde, lassen sie es erstmal. Als Liddy jedoch von Heirat spricht, drängt Bridie darauf, es ihr zu erzählen. Sie kann ihre Schwestern auch von diesem Entschluss überzeugen.

Liddy reagiert sehr heftig auf diese Information. Übertrieben heftig, wie Bridie findet. Doch damit nicht genug; sie soll plötzlich ganz alleine den schwarzen Peter in die Schuhe geschoben bekommen! Liddys ganzer Zorn richtet sich nur gegen sie; die beiden anderen Schwestern behaupten zwar, zu ihr zu helfen, stellen jedoch Liddy gegenüber auch nicht richtig, dass sie die Entscheidung mitgetragen haben.

Bridie fühlt sich von ihren Schwestern schwer im Stich gelassen, und verlangt, dass sie bis zur Hochzeit mit Liddy darüber sprechen - ansonsten würde sie mit keiner ihrer Schwestern noch ein Wort sprechen.

Eine Zeit des Schweigens beginnt. Sehr ungewohnt für Bridie, die ständig mit ihren Schwestern unterwegs war. Dass sie darunter leidet, ist auch ihren Kollegen klar - und sie schlagen ihr ein Rollenspiel vor, um die Situation ein wenig zu klären. Dabei fällt plötzlich der Name ihres Mannes - und plötzlich fällt es Bridie wie Schuppen von den Augen, was wirklich hinter der ganzen Situation stecken könnte....

Normalerweise lese ich Anne Fines Bücher so gerne, weil sie vor schwarzem Humor geradezu triefen. Dieses hier bietet eigentlich keine Gelegenheit zum Lachen - dafür verursacht es ganz schöne Beklemmungen. Die Situation, die hier so beschreiben wird, kam mir unheimlich vertraut vor; eine Einzelperson, die mehr oder weniger in die Rolle des Sprechers gedrängt wird - und dann erleben muss, dass der Rest, die anderen Beteiligten, aufgrund der negativen Reaktion ihre Meinung sofort wieder revidieren, abschwächen, sich aus der Schusslinie entfernen.

Ein Buch, mit dem ich mich gedanklich wohl noch eine ganze Weile auseinandersetzen werde.

Anne Fine

Anne Fine wurde1947 in Leicester, England, geboren. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft und lebte in Kanada und den Vereinigten Staaten. Heute wohnt sie in Durham, England.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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