Sebastian Faulks - Gesang vom großen Feuer

Originaltitel: Birdsong
Roman. Goldmann Verlag 1993
573 Seiten, ISBN: 3442443784

Als Stephen Wraysford 1910 nach Frankreich reist, ahnt er nicht, wie sehr diese Entscheidung sein Leben beeinflussen würde. Eigentlich sollte er nur über das Geschäft der Webereien in Frankreich mehr lernen - doch schon die erste Begegnung mit Isabella, der Hausherrin seines Gastgebers, spürt er etwas, was er nicht fühlen darf. Und doch - es scheint ihm, dass auch sie seine Gefühle erwidert, und kurze Zeit später verlässt sie ihren Mann seinetwegen.

Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer; auch er wird verlassen. Isabelle ist schwanger, auch wenn er nichts davon ahnt - und sie kehrt zu ihrem Mann zurück.

Vergessen kann er diese Liebe nie. Auch nicht, als er einige Jahre später als Soldat in Frankreich ist, hier in den Schützengräben liegt. Hier erlebt er tagtäglich ein Grauen, wie es für ihn bislang nicht vorstellbar war. Menschen werden im Stellungskrieg aufgerieben, als zählte ein Leben nichts; und doch: die Überlebenden kehren zurück hinter die Frontlinie, nehmen ein Bad - und plötzlich scheint es, als hätten sie nie gesehen, wie Kameraden nur noch halbe Gesichter hatten, als hätten sie nie unter Todesangst gelitten, als hätten sie keine Verluste zu verzeichnen.

Stephen ist in seiner Kompanie bekannt dafür, keine Angst zu zeigen. Wovor sollte er sich auch fürchten? Am Leben, das weiß er, hängt er nicht sonderlich. Was ihn noch antreibt ist der Wunsch zu erfahren, wie weit man in diesem Krieg noch gehen kann, zu welchen Grausamkeiten der Mensch noch fähig ist.

Sein einziger Freund in dieser Zeit ist Weir; Weir, der nicht als Soldat in die Truppe eingetreten war, sondern als Tunnelbauer. Seine Truppe unterminiert das Gelände, immer mit der Angst, auf die Deutschen zu stoßen.

Und 60 Jahre später findet Stephens Enkelin die Tagebücher, die er damals schrieb - und beginnt, sich für die Geschichte zu interessieren...

Streichen wir von diesem Buch die äußerst überflüssige Rahmenhandlung 1978, streichen wir vor allem die viel zu stark ausgewalzte, grauenhaft geschriebene Liebesgeschichte - und lassen wir nur das übrig, was für mich das Wesen des Buches ausmacht, so hätte man vielleicht ein Stück Literatur geschaffen, das das Grauen der Schützengräben sehr eindringlich schildert, das unter die Haut geht.

Doch leider muss man sich zu Beginn erstmal durch eine lange, unlogische und peinliche Liebesgeschichte quälen. Sätze wie "Er küsste sie, und wieder floh ihre Zunge nicht vor seiner" machen das Lesen wahrlich zu keinem Vergnügen.

Auch in den Passagen im Schützengraben verlässt der Autor sich nicht auf die Wirkung dessen, was er uns in lapidaren Sätzen spüren lässt; zum Schaden des Buches hebt er an, uns auch die Erklärungen, Psychogramme seiner Protagonisten nachzuliefern, und hier bleibt das Vermögen hinter dem großen Vorhaben weit zurück.

Das ist überhaut ein großes Manko dieses Buches: es will Literatur sein, will unbedingt ein monumentales, umfassendes Bild liefern, und vermag es dann nicht auszufüllen. Zu viele Handlungsstränge, die keine Verankerung im Hauptplot finden, zu viele Figuren, die halbherzig eingeführt werden, und vor allem: viel zu viel Symbolik. Warum muss ganz zum Ende noch ein deutscher Soldat vorgestellt werden, der natürlich Jude ist, dessen Bruder in ebendem Schacht ums Leben kommt, aus dem er Stephen dann befreit?

Schade - ein guter Lektor hätte bei diesem Buch Wunder wirken können.

Sebastian Faulks

Sebastian Faulks wurde 1953 in Newbury geboren. Er studierte Literatur und Geschichte in Cambridge und arbeitete danach als Journalist. Seit 1991 ist er freier Schriftsteller. Mit dem Roman "Gesang vom großen Feuer", der bei seinem Erscheinen mit enthusiastischem Kritikerlob ausgezeichnet wurde, gelang ihm der große internationale Durchbruch. Sebastian Faulks lebt mit seiner Familie in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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