Horst Evers - Die Welt ist nicht immer Freitag

Originaltitel: Die Welt ist nicht immer Freitag
Erzählung(en). Eichborn Verlag 2002
144 Seiten, ISBN: 3821837454

Wer mit "Wedding" nicht unbedingt heiraten, sondern vielmehr den Berliner Arbeiterbezirk verbindet, mit dem Begriff "Kleinkunst" etwas anfangen und über Misserfolgsgeschichten lachen kann, der kennt vielleicht auch schon den Namen Horst Evers.

Eines gleich vorweg: es geht hier nicht um einen Roman. Oder um klassische Erzählungen. Es ist kein Buch, das man ganz ruhig liest; es ist vielmehr ein Buch, dass man zum Beispiel ein Buch, das man nach einem gelungenen Kleinkunstabend mit nach Hause nimmt, um sich da nochmals an ein paar Anekdoten zu erfreuen; ein kleiner Band, den man zur Hand nimmt, wenn Freunde da sind, um eine Geschichte draus vorzulesen, oder aber, um in der S-Bahn seltsame Blicke zu ernten, weil man mal wieder schallend loslachen muss.

Ein mittelmäßig aussehender, kahlköpfiger Mann um die 30, der in einer verkommenen Wohnung mitten im Wedding lebt und der das, wofür andere stundenlang Sport machen, nämlich um sich dann in einen Sessel werfen zu können und zu sagen "boah, bin ich kaputt, mann" auch ohne Sport fertigbringt, das ist der Held dieser Erzählungen. Nun sollte man bloß nicht dem Vorurteil nachgeben, ein Leben, das hauptsächlich vor dem Fernseher stattfindet, wäre langweilig. Schon die Überlegung, ob man jetzt Fensterputzen soll oder nicht artet zu einer geistigen Fußballschlacht um den "Was macht Horst mit seinem Tag"-Pokal aus, in dem so schwere Geschütze wie "Frauen mögen erfolgreiche Männer" gegen "Morgen ist auch noch ein Tag" ankämpfen. Wie dieses Spiel ausging? Das wird nicht verraten, aber es war ein harter Kampf, ein faires Spiel, und eine knappe Entscheidung.

Die wahnwitzigsten Unfälle passieren ja im Haushalt, und auch wenn man nicht viel macht, ist man davor nicht gefeit; aber der Grund für Evers Krankenhausaufenthalt hatte dann doch ganz andere Ursachen. Bilnddarm. Was das im Urbankrankenhaus bedeutet, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Es sind einige wirklich ausgesprochen heitere Erzählungen, die den Leser in die Welt der Loser entführen; ein liebenswertes, schmuddeliges Leben, das durchaus auch seine ekligen Facetten hat.

Wenn man Horst Evers schon mal bei einem seiner Auftritte erlebt hat, wie er genau diesen Typ verkörpert, mit den großen Augen, die irgendwie nie ganz offen sind, diesem etwas dümmlichen Gesichtsausdruck, und dazu seine Stimme gehört hat, dem wird beim Lesen diese Erscheinung immer präsent sein.

Es sind nicht alle Erzählungen von gleicher Qualität; ein paar wenige ragen heraus, sind einfach gut, der Humor bei anderen trifft nicht so ganz meinen Geschmack. Aber alles in allem ist das ein Büchlein, das Vergnügen macht - und ein sehr sympathischer Autor, dem ich natürlich noch viele Leser gönne. Oder vielleicht auch nicht - denn wenn er zu erfolgreich wird, worüber soll er dann noch schreiben?

Horst Evers

Horst Evers wurde 1967 in Evershorst geboren und kam 1987 nach Berlin. Dort studierte er Germanistik und Publizistik. Die ersten 10 Jahre lebte er im Wedding, seither mit Frau und Kind in der besseren Ecke Kreuzbergs. Seit 1990 steht er regelmäßig auf Berlins Kleinkunstbühnen und trägt dort seine Texte vor, zur Zeit zB jeden Sonntag um 13:00 Uhr in Dr. Seltsams Frühschoppen. Mittlerweile hat der Erfolg Einzug gehalten: So wurden ihm beispielsweise 2000 der Kabarettpreis "Paulaner Solo" und 2001 die Kleinkunstpreise "Prix Pantheon" und der "Salzburger Stier" verliehen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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